Thursday, July 18th, 2019
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Von Stereotypen und dem Gender-Kolonialismus

Die Ethnologin Lila Abu-Lughod nennt sie „Moral Crusades“, jene, die mit ihrem – wenn man so will – missionierenden Verhalten einer Art modernen Kolonialismus, ein grundlegendes Hindernis für eine ehrliche, offene und vor allem differenzierte

La Liberté

Die Ethnologin Lila Abu-Lughod nennt sie „Moral Crusades“, jene, die mit ihrem – wenn man so will – missionierenden Verhalten einer Art modernen Kolonialismus, ein grundlegendes Hindernis für eine ehrliche, offene und vor allem differenzierte Auseinandersetzung des „Westens“ mit der muslimischen Frau und ihrer Rolle verhindern.

Pauschale Kritik an Kultur und Religion der Frauen ist dabei respektlos und kontraproduktiv, die angenommene Überlegenheit der westlichen Lebensweise und ihres Wertesystems lässt kaum eine Möglichkeit auf parallel existierende Alternativen zu, ist man doch der Überzeugung, dass mit zunehmender Modernisierung der betroffenen Bevölkerung auch den letzten klar werden würde, wie vortrefflich das westliche und wie überholt das muslimische Modell sei. Denn der Islam, so heisst es, sei der Kern des Problems, der Unterdrückung der Frau: Bevormundung, Gewalt und allgemeine Ungleichheit seien ihm inhärent und damit auch nur mit ihm zu beseitigen, so erscheint die öffentliche Meinung. Beginnt man jedoch, dieses simpel konstruierte Konzept in Frage zu stellen und die betroffenen Frauen selbst nach ihrer Situation zu befragen, so sind vor allem kulturelle Verhaltensmuster, Armut und Perspektivlosigkeit, mangelnde Bildungsmöglichkeiten für Frauen, finanzielle Abhängigkeit von Männern, Rechtsverletzungen entlang der Trennlinien der Geschlechter und eine ungenügende gesundheitliche Versorgung, die deren Leben prägen.

Von der schönen, geheimnisvollen Prinzessin aus tausend und einer Nacht hin zum verschleierten, ungebildeten und fremdbestimmten Opfer. Das Bild der orientalischen Frau in den Köpfen vieler Menschen hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts zwar radikal geändert, doch es bleibt stereotyp.
Wir leben in einer Zeit, in der bereits Kriege unter anderem damit begründet wurden, die muslimische Frau befreien zu wollen, in der man überhaupt davon ausgeht, es gäbe die muslimische Frau. Es ist eine Zeit, in der man von der weiblichen Hälfte der 350 Millionen Araber, beziehungsweise der 1.6 Milliarden Muslime im Singular spricht, ohne Rücksicht auf deren Individualität und Vielfalt, und in der sich trotz des Aufschwungs der Gender-Forschung noch kaum etwas an diesem die Meinung der Gesellschaft so dominant prägenden Bild geändert hat.
Dabei geraten all jene muslimischen Frauen ausser Acht, die nicht einfach nur Objekte sondern Subjekte der wie auch immer gearteten „Befreiung“ der muslimischen Frauen waren und sind. Zwar nicht völlig isoliert von jenen, aus den westlichen Ländern importierten Werten und Ideen des dortigen feministischen Aufbegehrens im 19. und 20. Jahrhundert, aber doch unabhängig in ihrem Handeln und in ihren Bestrebungen, nahmen sie ihr Schicksal selbst in die Hand und standen somit am Anfang der Frauenbewegung im sogenannten orientalischen Kulturraum.

Was wir im 21. Jahrhundert sehr plakativ und medial wohlwollend reproduziert, unter anderem als kreischende, barbusige Mädchen vor einer Botschaft in Algerien wahrnehmen, hat eine wesentlich würdevollere, intellektuelle Gegenwart und Historie gleichermassen, in der starke Frauen mit Worten und Bildung für ihre Rechte, für Selbstbestimmung und Mitsprache in der Gesellschaft kämpften, ohne dabei jedoch ihren kulturellen und religiösen Hintergrund zu verleugnen oder als vollständig negativ abzulehnen.
Emanzipation hat viele Gesichter. Das von Alice Schwarzer, für die das islamische Kopftuch nicht Privatsache, sondern ein Politikum ist, welches sie als Flagge der islamistischen Kreuzzügler, der Faschisten des 21. Jahrhunderts bezeichnet und bezüglich dem sie äussert: „das Kopftuchgebot grassiert überhaupt erst seit 1979, seit der Gründung des ersten Gottesstaates im Iran, und der Finanzierung des weltweiten Kreuzzuges dank Saudi Arabien“. Sie hat aber auch das Gesicht all derer, die zu tausenden, wenn nicht gar zu hunderttausenden in Frankreich gegen ein Kopftuchverbot in den Schulen und die Einführung eines Verbotes des Gesichtsschleiers auf die Strasse gingen. Diese beiden Exempel stehen sich diametral gegenüber, scheinen völlig unvereinbar zu sein, und doch würden wohl beide Seiten für sich exklusiv in Anspruch nehmen, mit ihren Forderungen, die universal gültigen Rechte der Frau als singuläre Einheit zu vertreten.
Frauenbewegungen und Feminismus sind also kein homogenes und eindimensionales zivilgesellschaftliches Phänomen, so wie Gleiches auch nicht für die angestrebten, vermeintlich absoluten Idealbilder der „emanzipierten Frau“ gilt. Vielmehr entwickeln sich die Frauen als Trägerinnen der Emanzipation und der mit ihr eng verbundenen Vorstellungen trotz des schon seit Jahrhunderten stattfindenden regen Austauschs auf kultureller und intellektueller Ebene, in Abhängigkeit zu ihrem jeweiligen soziokulturellen, historischen und religiösen Kontext individuell, generieren verschiedenste Forderungen und verfolgen ihre Ziele mit den unterschiedlichsten Motivationen und Erfahrungen im Hintergrund.
Die kontextualisierte und objektive Betrachtung des Engagements von Frauen vielmehr als die Übertragung einzelner Themen ist es also, die eine valide Bewertung und objektive Analyse der vielen Bewegungen zulässt.

Begibt man sich beispielsweise in das Ägypten des 19. Jahrhunderts, dem Ort, an dem die arabische Frauenbewegung ihren Anfang nahm, so war es die in allen gesellschaftlichen Schichten vorherrschende Meinung, dass eine Frau per Definition durch ein Defizit beim Denken und der Konzentration in ihren geistigen Fähigkeiten beschränkt, von Natur aus schwach und abhängig sei und deshalb die Führung und Aufsicht eines Mannes bedarf, ja sie gar wünschte.
Das Leben einer Frau in dieser Zeit bedeutete im Grossen und Ganzen die Einordnung in patriarchale Strukturen. Das Erlangen von Bildung, Selbstbestimmtheit oder das Verfolgen eigener Ziele mögen zwar theoretisch in der Gesetzgebung und der Religion angelegt gewesen sein, spielten jedoch innerhalb der Gesellschaft, in der Realität kaum eine Rolle.
So war es am Ende auch nicht die Beseitigung, sondern die Rückbesinnung auf die Religion, den Islam, welche viele frühen Protagonistinnen der arabischen Frauenbewegung forderten und die ihnen den Weg zu Bildung, zum Recht auf Scheidung, zu eigenem Besitz, zu wirtschaftlicher Selbstständigkeit und zu gesellschaftlicher Partizipation ebnen sollte.

Nicht das Aufoktroyieren der Vorstellungen einer westlichen Interpretation der weiblichen Emanzipation – ohne diese hier bewerten zu wollen – und die Implementierung ihrer Begrifflichkeiften in ein völlig anderes kulturelles und historisches Umfeld, sondern die lokale Entwicklung, die Stimmen der betreffenden Frauen, deren Wünsche und Forderungen sind es, die relevant sein müssen wenn es darum geht, den Ausdruck „Feminismus“ in seinem jeweiligen Bezugsrahmen und seiner jeweiligen Zeit zu definieren.
Frauen, die sich gegen gesellschaftliche Normen, sie in ihren Rechten beschneidende Autoritäten oder diskriminierende Gesetze – wie, ganz aktuell, diverse staatlich verordnete Kleidervorschriften – auflehnen, die gegen die vorherrschenden Konventionen verstossen und sich von der Bevormundung einer patriarchalen Gesellschaft befreien wollen, gab und gibt es vielerorts, mit den unterschiedlichsten Motivationen und durch die Zeit hindurch.

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