Monday, November 20th, 2017
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„Und es soll aus euch eine Gemeinschaft werden“

Verfolgt man die deutschsprachigen Medienberichte über den Putsch und dessen Nachwehen, so scheinen viele Stimmen beinahe enttäuscht über dessen Misslingen. Anstatt sich darauf zu fokussieren, dass die gewaltsame Machtergreifung durch das Militär durch die Stärke

Betende Türken bei Antiputsch-Demonstration. Foto Twitter

Verfolgt man die deutschsprachigen Medienberichte über den Putsch und dessen Nachwehen, so scheinen viele Stimmen beinahe enttäuscht über dessen Misslingen. Anstatt sich darauf zu fokussieren, dass die gewaltsame Machtergreifung durch das Militär durch die Stärke des Volkes und die Entschlossenheit der Regierung abgewendeten werden konnte, steht die Sorge um „Säuberungsaktionen“ durch Erdogan, einer „noch härteren“ Linie seinerseits und einer zunehmenden Islamisierung der Gesellschaft und des Staates im Mittelpunkt des politischen und medialen Diskurses. Europa müsse ihm „die Grenzen aufzeigen“ und dergleichen mehr, so heisst es.

Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, welche Auffassung von innerstaatlicher Souveränität man vertritt, wenn man sich als Politiker oder Journalist in solchem Masse in die Angelegenheiten der demokratisch gewählten Regierung eines anderen Landes einmischt. Doch sollte uns das verwundern? Eher nicht. In der jüngsten Vergangenheit findet sich ein ganz ähnliches Beispiel, welches uns anschaulich vor Augen führt, wie um das Verständnis Rechtsstaatlichkeit und freiheitliche Demokratie bestellt ist, wenn es darum geht, dem Islam etwas entgegenzusetzen: der Sturz des ersten demokratisch gewählten Präsidenten Ägyptens, Mohamed Mursi 2013 durch das Militär, führte nicht etwa zu grosser Bestürzung oder vehementen Verurteilungen der internationalen Politik, nein. Zwar werden hier und da vorsichtig Bedenken bezüglich der Rechtmässigkeit von Urteilen gegen Journalisten und Mitglieder der Muslimbruderschaft geäussert, en gros zeigt man sich jedoch freundschaftlich Seite an Seite mit dem, ganz in der Tradition Mubaraks autoritär herrschenden Sisi, freut sich über wirtschaftliche Zusammenarbeit und insgeheim wohl auch über die stetig wachsende Unterdrückung des Islams in der Gesellschaft. Über die zehntausenden Männer und Frauen, die seit Sisi’s Machtübernahme in den Gefängnissen und Folterkellern des Regimes verschwunden sind, wird geflissentlich geschwiegen.

Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie andere europäische Staaten reagieren würden, wären sie selbst von einem Militärputsch betroffen, mangels Vergleich bleibt uns jedoch nichts anderes übrig, als unseren Blick auf die Situationen zu werfen, in denen freiheitliche Werte und Rechtsstaatlichkeit in anderen Kontexten zur Debatte stehen:

An Frankreichs Präsident Hollande und seiner Verhängung des Ausnahmezustandes in Frankreich, der wohl langsam zum Dauerzustand wird und massive Einschränkungen der Freiheits- und Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen mit sich bringt, wird keine Kritik geübt, und das obwohl sich nun mehrfach und auf traurige Weise gezeigt hat, dass diese totale Überwachung den Menschen in Frankreich keinen Schutz bieten kann. Man möchte gar nicht wissen, welcher Sturm losbrechen würde, hätte Erdogan nun alle „patriotischen Bürger“ dazu aufgefordert, sich als Reservisten zu melden. Hollande jedenfalls, scheint man in dieser Sache viel Verständnis entgegenzubringen.

Die Schweiz ergeht sich in einer Lächerlichkeit nach der anderen, indem sie elementare Grund- und Menschenrechte mittels Bauverboten, Kleidervorschriften, staatlichem Zwang zu Körperkontakt und ab Oktober dann die Erlaubnis zu umfänglichen Überwachungsmassnahmen bis in den privatesten Bereich erlässt.

Und wenn wir nach Deutschland blicken? Zwar nimmt die deutsche Regierung gerne eine aussenpolitische Führungsrolle in Europa ein und man könnte beinahe den Eindruck gewinnen, es habe das Mahnen und Erinnern in letzter Zeit zur hohen Kunst stilisiert, so vermag es doch nur unzureichend vor der eigenen Haustüre zu kehren: obwohl die Faktenlage rund um den NSU-Prozess nicht klarer darauf hindeuten könnte, ist man noch immer nicht in der Lage, sich einzugestehen, dass der Nachrichtendienst und wohl auch Teile der Polizei in nicht unerheblichen Masse auf dem rechten Auge blind sind. Es wird beschönigt und relativiert, Konsequenzen aber werden nicht gezogen.

Das alles zeigt uns vor allem Eines: die Werte, die sich die europäischen Staaten auf die Fahne geschrieben haben, sind kontingent und nur solange valid, wie es einigen wenigen beliebt.

Und was war mit den Muslimen?

Als in der Freitagnacht die Nachricht darüber wie ein Lauffeuer die Runde machte, erlebte man viele Muslime jedweder Herkunft, die sich mit den Türken gegen den Militärputsch solidarisierten. Einige wenige andere jedoch feierten den Putsch, forderten die Shari’a für die Türkei und bezichtigten jene Erstere aufgrund ihrer Haltung gar des „kufr“. Nun, diesen wenigen schien wohl entgangen zu sein, dass das türkische Militär seit jeher auf Seiten des Laizismus stand und dass sich die Regierung Erdogans – man möge von ihr halten, was man will – zumindest an islamischen Grundwerten orientiert und sich für die Belange der Muslime in Ägypten, Palästina, Syrien und andernorts einsetzt, auch wenn uns allen bewusst sein dürfte, dass das System des Nationalstaates und allem, was dahinter steht, der islamischen Auffassung von Ummah und Staatswesen widerspricht. Sei’s drum, denn es ging gar nicht darum, die türkische Regierung vollumfänglich gutzuheissen, als man sich mit den Türken in dieser Nacht solidarisierte. Spätestens, als der Muezzin in Ankara und andernorts mitten in der Nacht den Adhan und damit die Menschen auf die Strasse gerufen hat, wurde offensichtlich, welche unglaubliche Kraft der Islam auch in einer Gesellschaft, welcher der Islam über Jahrzehnte hinweg ausgetrieben werden sollte, noch hat.

Die Menschen, die sich in dieser Nacht zu Hunderttausenden mit „Allahu akbar“-Rufen dem Militär entgegen stellten, haben bewiesen, dass sie nicht bereit sind, den Platz, den der Islam in ihrer Gesellschaft langsam aber sicher zurückerobert hat, kampflos aufzugeben.

Als Muslimen sollte uns diese Nacht zeigen, welche Kraft hinter der Idee der Ummah steht und was möglich wäre, wenn wir uns nicht an Kontingenten festhalten und darüber entzweien, sondern diese Idee, dieses islamische Grundkonzept der Ummah in seiner Ganzheit wiederentdecken und adaptieren.

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