Monday, November 20th, 2017
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Eine Sternstunde europäischer Leitkultur?

Nora Illi wird vor laufender Kamera vom Ex-Abgeordneten Efgani Dönmez als „Stückchen Elend“ bezeichnet. Die Moderatorin lässt das zunächst zu, ein: “Entschuldigen Sie Herr Dönmez, aber Stückchen Elend ist schon ein bisschen übergriffig“, wird rasch

Quelle: Youtube

Nora Illi wird vor laufender Kamera vom Ex-Abgeordneten Efgani Dönmez als „Stückchen Elend“ bezeichnet. Die Moderatorin lässt das zunächst zu, ein: “Entschuldigen Sie Herr Dönmez, aber Stückchen Elend ist schon ein bisschen übergriffig“, wird rasch nachgeschoben, dennoch lässt sie Dönmez in ihrer Sendung „Pro und Contra“ weiter gewähren.

Doch auf einen kollektiven Aufschrei in Reaktion zu einer solchen Sendung wartet man nicht vergebens. Viele Frontseiten empören sich heute morgen über die äusserst vulgären und frauenverachtenden Aussagen Dönmezs: „Hassprediger“, „Patriarchat“, „Wechselt Grüne-Parteimitglied Dönmez bald zur FPÖ?“, „Ex-Abgeordneter Dönmezs vulgäre Ausbrüche“ ist da zu lesen. Parteikollegen fordern lautstark seinen Rücktritt und eine öffentliche Distanzierung. Grosse Medienhäuser fragen, ob sich Dönmez heute von seinen Aussagen distanziert. Feministinnen fühlen sich ob der verbalen, frauenverachtenden Attacken auf Frau Illi betroffen und organisieren Protestmärsche: „Frauen sind mündige Personen. Man bezeichnet sie nicht als „Stückchen Elend“ und “Frauen sind Menschen, keine Dinge!”, ist auf Plakaten zu lesen.
Die sogenannte aufgeklärten Welt, deren Werte Dönmez so zu verteidigen sucht, indem er genau diese mit Füssen tritt, wird ihrem Namen gerecht und weisst Dönmez in seine Schranken: So nicht!

Die grösste Solidarität kommt freilich von Seiten der Muslime unterschiedlichster Couleur. Praktizierende und nicht-praktizierende Schwestern und Brüder, Niqab-Befürworter und Niqab-Gegner empfinden es als inakzeptabel, auf welche Weise ihre Schwester Nora Illi angegriffen wurde. In Tweets und Posts in den sozialen Medien wird das Thema heiss diskutiert und auch ausserhalb der virtuellen Welt ist die Anteilnahme gross. Die Solidarität ist beachtlich, Dönmez bekennt seinen Fehler, bittet öffentlich um Entschuldigung, tritt zurück und engagiert sich zur Wiedergutmachung im Rahmen eines karitativen Projekts, welches sich für Frauen, die Opfer physischer und psychischer Gewalt wurden, einsetzt. Er beteuert, an seinem aggressiven Auftreten und seiner vulgären Sprache gegenüber Frauen zu arbeiten.

Dann wache ich auf. Ich sehe die Reaktion der „aufgeklärten“ Welt – mehr als ein Schulterzucken ist es nicht. Grosses Schweigen in den Medien, die Exponenten der muslimischen Gemeinde in Österreich, die noch vor wenigen Tagen ein rauschendes Fest mit 20.000 Teilnehmern und Gästen aus Öffentlichkeit und Politik gefeiert haben 20 Jahre MJÖ, scheinen den Vorfall geflissentlich übergehen zu wollen. Es scheint, als fürchte man sich davon zugeben zu müssen, dass die Werte der sogenannten aufgeklärten Welt, die man sich so gerne auf die Fahnen schreibt, immer weniger Gültigkeit haben. Personen wie Frau Illi sind doch die Radikalen und nicht diejenigen, die vermeintlich auf der Seite des toleranten, aufgeklärten und freien Europas stehen.

Auch in Deutschland verhält man sich diesbezüglich auffällig unauffällig Zentralrat der Muslime Deutschland.

In der Schweiz kommt die grösste Solidarität mit Nora Illi von ihrem Verein, dem Islamischer Zentralrat Schweiz, und auch viele weitere deutschsprachige Muslime aus ganz Europa zeigen, dass sie hinter Nora Illi stehen. Es tut gut, zu sehen, dass es ihn doch noch gibt, den Zusammenhalt unter den Muslimen, denn es ist nicht notwendig, mit allen Ansichten Nora Illis oder Ihres Vereins konform zu gehen, um zu erkennen, dass es eine rote Linie gibt, die gestern Abend von Herrn Dönmez überschritten worden ist. Dabei geht es bei dem Shitstorm, der sich über Herrn Dönmez auf Twitter und Facebook heute ergossen hat nicht nur um Solidarität und Loyalität zu einer muslimischen Schwester, es geht auch darum klar zu machen, dass so ein Verhalten nicht tolerierbar ist – auch wenn es vor allem Muslime zu sein scheinen, die das so sehen.

Wir in Europa rühmen uns mit einer Diskussionskultur, in der wir andere Meinungen tolerieren und anderen Menschen oder Weltanschauungen auch dann respektvoll gegenübertreten, wenn sie so gar nicht mit unseren eigenen korrespondieren. Wir glauben in der Lage zu sein, sachlich und auf einem anständigen Niveau zu diskutieren, denn das, so behaupten wir, macht unsere europäische Diskussionskultur aus. Gerade gegenüber der Diskussionskultur und Dialogbereitschaft der Menschen in der sogenannten arabischen Welt, mit ihrer vermeintlichen Rückständigkeit, durch die sie lediglich vermögen, sich bei Unstimmigkeiten die Köpfe einzuschlagen,  glauben wir uns erhaben. Vulgäre Ausdrücke und frauenverachtende Aussagen, so der Konsens, tolerieren wir bei uns nicht.


Doch davon hat man gestern nichts gesehen, im Gegenteil. Wenn das, was gestern Abend über die Bildschirme flimmern durfte, eine Sternstunde europäischer Leitkultur gewesen sein soll, dann können wir gerne darauf verzichten.
Es scheint fast so, als schaffe sich Europa in seiner angeblichen Verteidigung der eigenen Werte immer mehr selbst ab.

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