Monday, November 20th, 2017
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Secondos: Über Helden und Antagonisten

Es scheint, als sei die Stunde der Secondos gekommen. Im letzten Monat sorgten sie für Schlagzeilen, wobei einige zu Helden und andere zu Antagonisten wurden und erstaunt muss man feststellen, dass es für affirmative Schlagzeilen

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Es scheint, als sei die Stunde der Secondos gekommen. Im letzten Monat sorgten sie für Schlagzeilen, wobei einige zu Helden und andere zu Antagonisten wurden und erstaunt muss man feststellen, dass es für affirmative Schlagzeilen einen wesentlichen Punkt zu beachten gilt:

hat der Secondo nämlich eine Verbindung zum Islamischen, kommt er ganz schlecht weg, ganz unabhängig von seiner Bildung oder gesellschaftlichen Leistung.

Ganz hoch im Kurs ist beispielsweise der junge Albaner, der gerne als „Facebookstar“ oder „integrieter Shipi“ gefeiert wird. Mit seinen Kurzvideos erreicht Bendrit Bajra mehrere Hunderttausend und sogar Giacobbo/Müller luden ihn zu sich in die Show ein. Nicht weniger beliebt sind auch die diversen „Schweizer“ Fussballhelden der Nati mit Migrationshintergrund, allen voran Ex-Natispieler Xherdan Shaqiri, der gerne als Musterbeispiel für eine gelungene Integration herhalten muss. Solange sie an Spielen den Albaner-Gruss vermeiden – Granit Xhaka wird ja des Öfteren dafür zerpflückt – strahlt die Sonne ungetrübt am Migrationshimmel.

Ein bisschen älter, doch immer wieder für einen spassigen Bericht gut, ist auch der Rapper Granit Dervishaj aka Baba Uslender aus Luzern. Über den zunächst unkonventionellen, jedoch mittlerweile im Mainstream angekommenen Weg des Internets, ist er mitsamt „Uslender Production“ durch Youtube berühmt geworden. In seinen Songs übt er auf scherzhafte Weise Kritik am gesellschaftlichen Auftreten seiner Landsmänner, aber auch an Eidgenossen. Dies kommt bei anderen Secondos und jungen Schweizern gut an, die älteren „Bünzlis“  tun sich mit der Anerkennung hingegen noch schwer.

Vervollständigen würde diese kleine Aufzählung wohl der „Romantik-Bosnier“, wie Becir Smajlovic genannt wird. Sein Rezept, um als Secondoheld bewundert Zuspruch zu generieren: Popularität auf sozialen Netzwerken,  möglichst keinen Bezug zum politischen Tagesgeschehen, und erst recht nicht zum Religiösen.

Storyfilter findet das alles ganz herkömmlich und ist verwundert ob der medialen Begeisterung, doch solange sich keine Verbindung zum Islam finden lässt, erscheint ihnen eine gewisse mediale Prominenz wohl akzeptabel und gerechtfertigt.

Interessanterweise findet ein weiterer Secondo, dessen Treiben auf sozialen Netzwerken – in gleichem Masse wie die zuvor hier genannten – von Erfolg gekrönt ist, weniger Beachtung. „Tele Toni“  hat mit seinem Kurzvideo „10 Dinge, die Sie nicht tun sollten, wenn Sie den Schweizer Pass möchten“ über eine Million Klicks auf Youtube. Dies reichte zwar für einen Bericht auf „tillate.com“, die anderen Medienvertreter fanden das alles jedoch weniger erwähnenswert.

Zwar griffen blick.ch und Storyfilter nach einigen weiteren Episoden der Comedy-Reihe das Thema auf, doch begegneten sie dem Video eher mit Skepsis denn mit Bewunderung. Kritisiert wurde grundsätzlich – wie bereits angedeutet – vor allem eines, nämlich die Verbindung zum Islamischen. Wird dann obendrein auch noch unter dem Channel des Islamischen Zentralrates Schweiz veröffentlicht, hört das Verständnis für Humor oder Satire offenbar ganz auf. Sich über Herrn Maurer lustig zu machen oder dem Thema IS einmal mit einem zwinkernden Auge zu begegnen, damit scheint eine unsichtbare Grenze des Durchschnitts-Humors überschritten worden zu sein. Und ich dachte gerade noch vor einigen Wochen in der Zeitung gelesen zu haben, Satire dürfe alles, aber – so scheint es – gilt das eben nicht für Muslime.

Keinen Sinn für Humor hat man dann auch bei besagtem Baba Uslender, wenn er einmal zu gesellschaftskritisch wird. Mit seinem „Charlie-Hebdo-Witz“ tritt er auf ein Minenfeld, denn weder eine andere Sichtweise in dieser Causa – die keinesfalls das Geschehene relativieren soll – noch Satire sind diesbezüglich offenbar erlaubt. In seinem Scherz zielte er auf die vorherrschende Hysterie und Angst vor Muslimen im Generellen ab, doch Ein „Ice Tea-Pack“ und ein „Allahu Akbar“ Ruf reichen wohl aus, damit einige in ihm eine geschmacklose Verletzung ihrer eigenen Definition von Pietät erkannt haben wollen. Seine Fangemeinde verstand den Witz, die Medien jedoch kanzelten in als verstörend ab, inwiefern auch immer das noch etwas mit der geliebten Meinungsäusserungsfreiheit oder der viel gelobten Notwendigkeit zur Satire in einer freiheitlichen Gesellschaft zu tun hat.

Und auf richtig dünnem Eis bewegt man sich spätestens dann, wenn man sich als Secondo für den Islam einsetzt. Da spielt es dann keine Rolle mehr, wenn man die Landessprache(n) besser als so mancher „Stamm-Schweizer“ beherrscht, studiert und sich ehrenamtlich engagiert. Wer sich öffentlich zu seinem Glauben bekennt, ihn praktiziert und darüber hinaus auch noch in den Dialog mit der, angesichts der zum überwiegenden Teil höchst tendenziösen Berichte im Bezug auf den Islam irgendwo doch verständlicherweise völlig verängstigten Bevölkerung tritt, steht sofort und ohne konkrete Anhaltspunkte unter Generalverdacht.

Als Beispiel wäre der Fall von Fitore S. zu nennen: „Verherrlichung eines Terrorfinanciers“ wird ihr unterstellt. Eine offensichtlich islamfeindliche Quelle – eine höchst fragwürdige Facebook-Seite, deren Aktive sich immer wieder durch wenig schmeichelhafte Äusserungen hervortun – wird herangezogen, die sogar selbst zugibt, dass der Beweis, der für diese Unterstellung benutzt wird, ein mit Photoshop bearbeiteter Post ist. Doch den Verantwortlichen des Blick genügen offenbar auch solche Ressourcen, wenn es darum geht, jemanden zu diffamieren und eigentlich sollte bereits die Tatsache, dass in beiden veröffentlichten Berichten zweimal das Alter der betreffenden Frau unterschiedlich und falsch angegeben wurde, ein Hinweis darauf, wie unprofessionell hier die Recherche durchgeführt wurde.
Da hilft auch kein Widerspruch und kein Protest, dein Bestreiten der ihr vorgeworfenen „Tat“, denn die Öffentlichkeit hat sich ihre Meinung dann schon längst auf Grund eines solchen Artikels gebildet und macht in diversen Onlinekommentaren aus ihrer Abneigung gegenüber allem vermeintlich oder tatsächlich Anderem keinen Hehl.

Ähnlich erging es auch Selman R., der nun als Wolf im Schafspelz gilt: „Aussen lammfromm, innen radikal“, so betitelt ihn ebenfalls der Blick, genau jenes Blatt, welches es nicht für nötig hält, über ein Verbrechen an muslimischen Secondos in den USA zu berichten. Den Vorwurf, dass dies geschieht, weil es sich bei den Opfern um Muslime handelt – er wurde übrigens nicht nur dieser Zeitung gemacht – will man gleichzeitig nicht gelten lassen und macht sich gar noch unterschwellig lustig darüber.

Es scheint, als sei die Welt für einige unserer Medienvertreter schwarz und weiss – die Differenzierung eines schlichten Gemüts. Schlagwörter wie radikal, Islamist oder Salafist finden in beliebigem Masse und ohne fundierte Belege Anwendung, es wird unterstellt und polemisiert was das Zeug hält. Müsste, könnte, würde… der inflationäre Gebrauch des Konjunktivs in Verbindung mit der Verwendung zweifelhafter Quellen hinterlässt doch einen recht schalen Beigeschmack: Nicht Information, sondern Sensation scheint die Maxime.

Ein Migrant scheint mancher Orts nur dann willkommen, wenn er sich kritiklos und ohne religiösen Aspirationen einem bestehenden System mit seinen mehrheitsfähigen Vorstellungen anpasst.
Demnach lass dir gesagt sein, Secondo: Sei nicht anders, fall nicht auf, dann nimmt man dich recht gerne auf.

 

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