Monday, November 20th, 2017
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„Schütteln? Nein, danke!“

Sind wir doch mal ehrlich: Händeschütteln ist letztlich nichts anderes als eine gesellschaftliche Konvention, der man sich meist gezwungenermassen beugt, um nicht als unhöflich zu gelten, und wenn man sich einmal umhört, gibt es nicht

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Sind wir doch mal ehrlich: Händeschütteln ist letztlich nichts anderes als eine gesellschaftliche Konvention, der man sich meist gezwungenermassen beugt, um nicht als unhöflich zu gelten, und wenn man sich einmal umhört, gibt es nicht wenige, denen das ewige Händegeschüttel aus den verschiedensten Gründen echt unangenehm ist. Abgesehen davon scheint es angesichts der aktuell hochkochenden Debatte doch sinnvoll, sich einmal näher mit dem Phänomen Händeschütteln zu befassen. Ich lasse nun einmal die These israelischer Wissenschaftler, gemäss der wir die Hände unseres Gegenübers schütteln, um dann an unseren eigenen riechen und den Geruch der anderen Person zu „checken“, ausser Acht, weil ich sie einfach ziemlich gruselig finde und zumindest mit Blick auf mein eigenes Verhalten nicht bestätigen kann.

Historisch gesehen ist das Händeschütteln ein relativ alter Brauch, den wohl schon die alten Römer und Griechen praktiziert haben, um ihrem gegenüber ihre freundliche Gesinnung zu offenbaren. Der chinesische Autor Lin Yutang bezeichnete das Händeschütteln in seinem „Weisheit des Lächelns“ eins als „Überbleibsel aus den barbarischen Zeiten Europas“, wo man dem Gegenüber zunächst durch Winken, später durch das Schütteln der nicht behandschuhten Hand demonstriert hat, dass man keine Waffe in der Hand hielt und somit in friedlicher Absicht gekommen war. Dass das Händeschütteln in früheren Zeiten allerdings auch intergeschlechtlich entsprechend intensiv praktiziert wurde, scheint mir doch eher unwahrscheinlich, wenn doch bereits „eine Frau berühren“ die freundliche Umschreibung für sexuelle Annäherung gewesen ist.

International gesehen sind die Kulturen, in denen die Menschen sich gegenseitig zur Begrüssung die Hände schütteln, eher in der Minderheit und nicht nur im Islam ist selbiges zwischen Personen unterschiedlichen Geschlechts verpönt: in China, Italien, Russland oder Korea gibt ein Mann einer Frau in der Regel nicht unaufgefordert die Hand, da dies als besonders respektlos gegenüber der Frau empfunden wird. In den meisten asiatischen Ländern, wie Japan oder Indien und im arabischen Raum ist der Körperkontakt zwischen Männern und Frauen – unabhängig davon, ob sie verheiratet sind oder nicht – absolut verpönt. Viele religiöse Juden halten heutzutage an einer besonders strikten Form des sog. „Schomer Negia“ fest und vermeiden jede Form der Berührung zwischen nicht verheirateten Personen des jeweils anderen Geschlechts, da sich durch sie bereits die Möglichkeit zu weiteren Berührungen ergibt, was es aufgrund des Schutzes der Ehe und der Familie, genau wie im Islam, zu vermeiden gilt. Die Regelungen hier gehen sogar noch weiter: eine noch so kleine Berührung der Ehefrau durch den Ehemann ist in der Zeit ihrer Menstruation tabu, da sich ihre rituelle Unreinheit so auch auf den Mann übertragen kann und gleiches gilt für alle Dinge, die sie in dieser Zeit berührt, so steht es im Buch Leviticus. Buddhistischen Mönchen ist es nicht erlaubt, Frauen zu berühren oder nur etwas aus ihrer Hand entgegenzunehmen, da dies gar ihr Zölibat brechen kann. Unabhängig davon, ob man diese Gründe für nachvollziehbar hält, oder gerade in den beiden zuletzt genannten eine Diskriminierung erkennt, zeigt es doch, dass das Vermeiden von Körperkontakt zwischen Männern und Frauen nun wirklich nichts sonderlich exotisch Seltenes ist.

Nachdem aber in der Diskussion um solche und ähnliche Verhaltensweisen ja nun gerne einmal damit argumentiert wird, dass wir uns hier ja „i de Schwiiz“ befinden, vielleicht ein letzter Hinweis, der doch ganz unabhängig vom jeweiligen Lokalkolorit für jeden auf rational-logischer Ebene zugänglich sein sollte: Wissenschaftler gehen davon aus, dass 80% aller Infektionskrankheiten über die Hände übertragen werden und selbst die Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene des Kantonsspitals St. Gallen und viele andere Ärzte empfehlen, das Händeschütteln zumindest in der Grippe- und Erkältungssaison einfach zu unterlassen. In Deutschland gibt es neben einigen Krankenhäusern, in denen das Händeschütteln grundsätzlich untersagt worden ist, gar eine ganze Bewegung von privaten Handschüttel-Verweigerern, begründet von einem promovierten Biologen, der an der Universität Münster zum Thema Mikrobiologie forscht. Körperliche Integrität und Selbstbestimmung scheinen im aktuellen Handschüttel-Wahn völlig in den Hintergrund zu treten und religiöse Gründe sind ja nun schon seit einiger Zeit nur noch selten legitim.

Fakt ist, dass das Vermeiden von Berührungen jeder Art zwischen muslimischen Frauen und ihnen nicht anverwandten Männern und umgekehrt nichts, aber auch gar nichts mit Respektlosigkeit zu tun hat, im Gegenteil: die Entscheidungshoheit über den eigenen Körper, sowie der Respekt vor dem Körper der anderen Person sind wichtige Güter im Islam und stehen über einer eher unwichtigen gesellschaftlichen Konvention wie das Händeschütteln. So wenig, wie sich wohl alle Menschen wünschen, unaufgefordert umarmt, betatscht oder geküsst zu werden, wünschen ich mir, nicht dazu gezwungen zu werden, durch das Händeschütteln körperlichen Kontakt mit meinem Gegenüber aufzunehmen zu müssen.

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