Monday, November 20th, 2017
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Rock deinen Rock: Ein Interview mit der Gründerin

Auf Facebook wurden wir auf die Veranstaltung „Rock deinen Rock!“ aufmerksam und haben die Gründerin Fatma Tuna zu einem Gespräch eingeladen. Wir wollten von ihr wissen, wer sie ist und was es mit dieser Aktion

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Auf Facebook wurden wir auf die Veranstaltung „Rock deinen Rock!“ aufmerksam und haben die Gründerin Fatma Tuna zu einem Gespräch eingeladen. Wir wollten von ihr wissen, wer sie ist und was es mit dieser Aktion auf sich hat. (Das Interview wurde schriftlich geführt)

 

Kannst du uns etwas über dich sagen?

Ich bin Fatma Tuna, 25 und momentan wohnhaft in Köln. Meine Eltern sind aus der Türkei, ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. Ich studiere an der Universität zu Köln „Sprachen und Kulturen der islamischen Welt“ („SKIW“, ergo Islamwissenschaften) und „Germanistik“.

 

Wie bist du auf die Idee für diese Aktion gekommen?

Die Entwicklung der Idee war ziemlich spontan. Ich habe in der Zeitung von dem Vorfall gelesen und wusste, ich möchte etwas tun, um darauf aufmerksam zu machen. Ich suchte im Google nach ausführlicheren Informationen über das Ereignis, habe aber leider gemerkt, dass zumindest in den deutschsprachigen Medien nicht viel darüber zu lesen war. Das fand ich sehr schade und wollte mitwirken, den Fall – repräsentativ für ähnlichere Fälle – etwas publiker zu machen.

 

Wie hast du dann deine Idee realisiert?

Daraufhin habe ich mit einigen Personen im „Ausländer Lesekreis Köln“ und mit privaten Freunden darüber gesprochen und sie fanden die Idee einstimmig gut. Die Idee, das Ganze (zunächst) nur als Online-Veranstaltung zu gestalten, fand ich dabei persönlich am ansprechendsten, da hier natürlich die Mobilisierung einfacher ist.

 

Was hat dich besonders dazu motiviert, die Aktion zu starten?

Aus verschiedenen Gründen liegt mir das Thema sehr am Herzen. Der wichtigste Grund allerdings bestand aus einer einzigen Frage: Wäre ein nicht-muslimisches Mädchen nach Hause geschickt worden, wenn sie einen langen Rock getragen hätte? Ad hoc kann ich mir diese Frage nur mit „Nein“ beantworten.

 

Was ist deine Meinung zu diesem Ereignis in Frankreich?

Also, wir haben hier ein junges Mädchen, dass offensichtlich Muslima ist. In einigen Zeitungen/Blogs konnte man lesen, dass sie ein Kopftuch trägt, welches sie jedoch vor Schulbeginn immer ablegt. Ich habe mich gefragt, ob diese Verwarnung lediglich nur ausgesprochen wurde, weil man sich eben bewusst war, dass sie sonst ein Kopftuch trägt. Es gibt viele Frauen, die gerne lange Röcke tragen, mit Sicherheit auch in Frankreich, ihnen unterstellt man aber kein religiöses Bekenntnis. Und genau in diesen Momenten sprechen wir von antimuslimischem Rassismus. Denn das blosse Tragen eines Rockes ist eben noch kein Glaubensbekenntnis und kein religiöses Symbol.

Zum anderen haben wir es hier auch mit Sexismus zu tun. Denn einer Frau, die definitiv Muslima ist, die zudem auch noch Kopftuch trägt, wird oft vorgeworfen, sie sei rückständig und unterstütze damit das „patriarchal muslimische“ System, indem sie sich verhülle. Viele Menschen haben das Verlangen, sich für sie gegen das Kopftuch einzusetzen und möchten ihr helfen, sich zu befreien. Ich finde diesen Gedanken sehr eurozentristisch. Die Vorstellung, eine Frau könne nur frei sein, wenn sie mehr von ihrem Körper zeigt, ist für mich nicht verständlich. Für mich persönlich besteht die Freiheit darin, selbstständig zu entscheiden, wieviel ich von meinem Körper zeigen möchte. Ob eine Frau, egal aus welcher Motivation heraus, ihr Kopftuch, ihren langen Rock und weite Kleidung trägt, oder lieber in einem kurzen Rock, mit wallendem Haar und einem T-Shirt das Haus verlässt, sollte nur ihre eigene Angelegenheit sein und keine kollektive Norm.

 

Was verstehst du unter: Röcke sind nicht religiös motiviert?

Mir ist natürlich klar, dass viele Muslimas in Verbindung mit einem Kopftuch auch weite Röcke tragen. Eine Frau soll tragen können, was sie möchte. Ob dies aus kulturellen, religiösen oder modischen Überzeugungen heraus geschieht, sollte in ihrem eigenen Ermessen liegen und nicht staatlich sanktioniert werden. Das Verbot jeglicher religiöser Kleidung und Symbole in Frankreich ist gesetzlich verankert. Was jedoch als religiös einzuordnen ist und was nicht, ist nicht festgeschrieben und bleibt damit, wie meines Erachtens in diesem Fall, der Willkür verschiedener Institutionen überlassen.

 

Was ist also das Ziel mit dieser Aktion?

An einem Rock ist nichts Heiliges oder Sakrales, es ist einfach ein Kleidungsstück, das von vielen Menschen getragen werden kann. Das Ziel dieser Aktion soll sein zu zeigen, wie unterschiedlich motiviert und kombiniert Röcke sein können. Ich hoffe, dass viele Frauen, und sehr gerne auch Männer, zeigen, dass man Röcke unabhängig von Konfession tragen kann. In allen erdenklichen Variationen.

 

Was vermittelt der Slogan: Rock deinen Rock?

Rock deinen Rock soll dafür stehen, dass insbesondere Frauen unabhängig von ihrem religiösen, kulturellen, politischen Background ihre Kleidung frei und selbstständig wählen und tragen dürfen. Deswegen erhoffe ich mir, dass viele Fotos von vielen Menschen ankommen, die ihren Alltag in einem Rock ausleben. Ob dies nun auf der Arbeit, in der Uni oder Zuhause ist.

 

Wie war das Feedback bisher?

Ich muss sagen, ich bin sehr überrascht über das Feedback. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich so viele Menschen mit mir für die Thematik interessieren. Ich habe sehr viele Mails von BefürworterInnen bekommen, sowohl von muslimischen Frauen, die einfach genug haben, sich für ihre Kleidung zu rechtfertigen, egal ob mit oder ohne Kopftuch, als auch von nicht-muslimischen Frauen, die entweder sehr verständnislos reagiert haben, da sie selbst sehr viele, lange Röcke tragen, oder aber auch sich aus feministischen Gründen mit muslimischen Frauen solidarisieren möchten. Natürlich gab es einige Personen, die mit der Veranstaltung nicht viel anfangen konnten, allerdings war damit zu rechnen. Eine Person, den ich beim Betrachten der Facebook-Profile dem rechten Lager einordnen würde, hat mir geschrieben und wollte mich darüber aufklären, wie gefährlich der Islam für die Frau ist und dass man solche Rückständigkeit nicht mit solchen Aktionen unterstützen sollte. Ich hoffe, dass mein Gespräch mit ihm ein wenig geholfen hat, seine Sichtweise zu ändern.

 

Denkst du, dass viele mitmachen?

Ob tatsächlich viele mitmachen, werden wir noch sehen. Da ich allgemein nicht mit so viel Resonanz gerechnet hatte, möchte ich nicht spekulieren, wieviele es tatsächlich sein werden, nichtsdestotrotz freue ich mich über jedes einzelne Bild, jeden Gedanken, der mitgeteilt wird. Auch wenn es nur 10 sind.

 

Vielen Dank für das ausführliche Interview!

Bildquelle: www.tuffix.net

 

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