Thursday, September 20th, 2018
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Integrations(un)willig?

Was ist eigentlich Integration? Gemäss Duden bedeutet Integration im soziologischen Sinne die Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen oder kulturellen Einheit. Dieser Definition folgend ist Integration also eines nicht: die vollständige

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Was ist eigentlich Integration? Gemäss Duden bedeutet Integration im soziologischen Sinne die Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen oder kulturellen Einheit. Dieser Definition folgend ist Integration also eines nicht:
die vollständige Assimilierung einer Minderheit an die vorherrschende Mehrheit. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie jetzt ein Aufschrei durch die Menge der politisch bürgerlichen, der Integrationsforderer, der selbsternannten Kulturbewahrer, schlicht derer, die sich als „das Volk“ bezeichnen, gehen würde, bekämen sie meine soeben zu Papier gebrachten Worte denn je zu lesen, doch ich will mich diesem Thema heute einmal ganz unvoreingenommen und fern von irgendeiner linken, rechten oder sonst wo positionierten Polemik äh… Politik nähern. Fakt ist: das Wort Integration, wäre es denn nicht schon so alt, hätte sicherlich das Potential gehabt, zum Unwort des Jahres 2014 gewählt zu werden und, so befürchte ich, birgt es das auch noch für 2015. So stellt sich mir also – und wie ich finde berechtigterweise – die Frage, was es denn nun eigentlich auf sich hat mit dieser Integration, die für die einen wie ein immaterielles Damoklesschwert, für die anderen hingegen wie der messianische Heilsbringer über den Individuen unserer Gesellschaft schwebt.

Wenn man sich der gängigen Diskussionen zum Thema Integration nähert, wird einem zunächst einmal ein ziemlich breites Spektrum an Ideen und Vorstellungen eröffnet und genau das begegnet mir auch in meinem Alltag. Als die Landessprache beherrschende junge Frau, mit Arbeit, Studium und sozialen Kontakten quer durch die religiös-kulturelle Bank, vom Appenzeller Käsemeister, über die katholische Portugiesin in zweiter Generation bis hin zu Musikern aus Sri Lanka, dachte ich eigentlich, ich hätte das mit der Integration ganz gut gemeistert und entsprechend schien das auch mein Umfeld anzunehmen. Nicht einmal einen Strafzettel habe ich je bekommen und doch habe ich es offenbar geschafft, von einigen als nicht-integriert, als Fremdkörper in dieser Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Aussagekräftigster und weithin sichtbarer Beweis für diese Anschuldigung – da waren sich alle einig – war mein Kopftuch.

Dieses Stück Stoff muss eine solch bedrohliche Wirkung auf mein jeweiliges Gegenüber gehabt haben, dass seine blosse Existenz eine Integration meiner selbst in die Schweizer Gesellschaft ausschloss. Da mir persönlich unbekannt war, dass Kleidungsstücke, oder, etwas spezifischer, Kopfbedeckungen neuerdings ein Ausschlusskriterium für gesellschaftliche Integration darstellen sollten, begann ich ein wenig zu recherchieren und stiess dabei auf die Onlinepräsenz der Bundesbehörden der Schweizer Eidgenossenschaft, die angibt, dass der Beitrag der Ausländerinnen und Ausländer zur Integration darin besteht, die rechtsstaatliche Ordnung und die Werte der Bundesverfassung zu respektieren, die am Wohnort gesprochene Sprache zu erlernen, sich mit den Lebensbedingungen in der Schweiz auseinanderzusetzen und den Willen zur Teilnahme am Wirtschaftsleben und zum Erwerb von Bildung zu haben. Ziel der Integration ist die „chancengleiche Teilhabe der Ausländerinnen und Ausländer an der schweizerischen Gesellschaft“ – ich bin mir sicher, dass auch das unter Umständen ähnliche Reaktionen hervorrufen könnte, wie meine einleitenden Worte. Soweit so gut. Dass da etwas über Bekleidungsvorschriften steht, habe ich ja nun auch nicht wirklich erwartet, wobei ich sagen muss, dass mir der Gedanke an eine Volksabstimmung darüber, ob denn nun der schicke Hosenanzug des UBS-Bänkers, die umstrittenen Röhrenjeans junger Hippster oder doch der Berner Mutz zum Standard werden sollte, recht amüsant, wenn auch nicht sehr sinnvoll erscheint.

Viel interessanter und nicht weniger erheiternd ist es, sich das auf besagter Seite hinterlegte Muster einer Integrationsvereinbarung mal durchzulesen, in der er es weiter heisst, dass das Ziel der schweizerischen Integrationspolitik die Förderung des friedlichen Zusammenlebens aller auf Grundlage der Werte der Bundesverfassung und der gegenseitigen Achtung und Toleranz ist. Das erklärt zwar, weshalb mehrheitstauglich und mit Gewalt versucht wird, Absurditäten wie das Minarettverbot in die Bundesverfassung aufzunehmen, doch was das – ganz abgesehen von seiner doch eher als destruktiv zu bezeichnenden Wirkung auf ein friedliches Zusammenleben – noch mit Toleranz zu tun haben soll, entzieht sich meiner Kenntnis und würde wohl eine Erörterung darüber verlangen, ob denn nun eine Bundesverfassung, welche durch von Angstmacherei und Falschaussagen reüssierte Volksabstimmungen verändert werden kann, die Definition von Toleranz für das ihr unterstehende Volk vorgibt, oder ob es da noch andere, wie man so schön sagt „universale“ Werte gibt, die den Rahmen für ein etwas allgemeiner gültiges Konstrukt von Toleranz abstecken. So, nun aber weiter im Text: darüber hinaus wird betont, dass die Integration neben dem Engagement der Ausländerinnen und Ausländer auch die Offenheit der schweizerischen Bevölkerung voraussetzt. Im Kontext des zuvor geschriebenen heisst das für mich konkret: alles das, was die mir vom Bund vorgegebenen Anforderungen an eine gelungene Integration nicht tangiert, gehört zu den Dingen, denen meine Mitbürger Offenheit entgegen bringen sollten, so wie ich ihnen.

Ohne etwas pauschalisieren zu wollen – schwarze Schafe und Musterbeispiele gibt es immer und überall – erlaube ich mir einen abschliessenden Gedanken: ist nicht das Perfide bei all dem, dass eine mangelnde Offenheit auf Seiten der ansässigen Bevölkerung nicht dazu führt, dass diese etwa einen Integrationskurs für Inländer nach dem Motto „Mein Nachbar – Der Fremde von Nebenan“ besuchen müssen, sondern dass es dann vielmehr scheint, als seien sie selbst von einem Haufen Integrationsunwilliger umgeben?
Vielleicht sollten wir uns ja einfach alle ein wenig mehr an folgenden Worten Hans Kaspers orientieren:

„Die Humanität erreicht mehr, wenn sie, statt die Gleichheit zu loben, zum Respekt vor dem Wunder der Vielfalt riete.“

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