Monday, September 25th, 2017
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Die ewige Völkerwanderung (2)

  Es war Donnerstagvormittag, alle im Dorf gingen ihrer Arbeit nach, als zwischen 8:55 und 10:00 Uhr die Flieger begannen, über sie hinwegzubrausen und die Hölle losbrach. Wie froh war er bisher gewesen, dass er nicht auch

ADN-ZB/Archiv
II.Weltkrieg 1939-45
Flüchtlingstransport aus den umkämpften Gebieten im Osten Deutschlands treffen im Februar 1945 in Berlin ein. Das Gepäck der Flüchtlinge wird aus dem Zug geladen.

 

Es war Donnerstagvormittag, alle im Dorf gingen ihrer Arbeit nach, als zwischen 8:55 und 10:00 Uhr die Flieger begannen, über sie hinwegzubrausen und die Hölle losbrach.
Wie froh war er bisher gewesen, dass er nicht auch an die Waffe gemusst hatte, wie seine beiden älteren Brüder, von denen momentan keiner so genau wusste, wo sie sich befanden.
Zu verdanken hatte er das seinem Vater, der, resolut wie er war, einfach zur Musterung seines Jüngsten marschiert war, sich vor dem Kommandanten aufgebaut und ihm gesagt hatte, dass er es nicht zulassen werde, auch noch den dritten Sohn in die Ungewissheit eines Krieges zu schicken und konnte ihn dann, zusammen mit ein paar anderen Jungs, wieder mit nach Hause nehmen. Doch nun hatte der Krieg ihn doch erreicht und er liess sich nicht überreden, wieder zu gehen. Über eine Stunde lang hagelte es Bomben auf ihr kleines Dorf. Als erster wurden die Wasserleitungen getroffen, so dass den Bewohnern nichts anderes übrig blieb, als zu versuchen, das Inferno mit Gülle zu löschen und so sollte es den ganzen Tag dauern, die Brände unter Kontrolle zu bringen. Eine Mutter hatte mit ihrer Tochter im Keller ihres Hauses Schutz gesucht, doch es war umsonst. Eine Bombe traf das alte Stadttor neben dem Haus und beide wurden von den schweren Mauerstücken, die auf sie herabfielen, zerquetscht.

Als der Himmel zur Ruhe kam, fuhren die Panzer und andere Fahrzeuge auf den Hügeln vor dem Dorf auf. Die Mutter des Jungen war so voller Angst vor dem, was nun kommen könnte, dass ihr Mann sich nicht anders zu helfen wusste, als anzuspannen, das nötigste aufzuladen, den Hof mit seinen Tieren zurückzulassen und mit seiner Familie in den Wald zu fliehen. Dort standen sie dann, den Geräuschen lauschend, die der Wind aus dem Dorf zu ihnen hinübertrug, voller Furcht und der Dinge harrend, die da kommen sollten.

Die fremden Soldaten nahmen dann am frühen Nachmittag das Dorf ein, vertrieben die Besitzer der neueren Häuser aus denselben, um sie für sich in Anspruch zu nehmen und gingen von Familie zu Familie um deren Wohnungen zu durchsuchen und alle Eier aus den Ställen einzusammeln, weil es das Einzige war, was sie sich zu essen trauten zu – man hatte ihnen eingebläut, die lokale Bevölkerung würde versuchen, sie zu vergiften (ironischerweise zum Glück der Menschen, die nach den Jahren des Krieges und der Konfiszierungen durch die eigene Regierung, die Ressourcen für die Armee benötigte, sowieso kaum noch zu Essen hatten).

Doch es war noch nicht ausgestanden und am Abend kamen die Flieger zurück. Diesmal flogen sie am Dorf vorbei, ein Stück weiter hinaus, doch es war nichts, worüber man sich hätte freuen können. Sie bombardierten zwei Personenzüge am nahegelegenen Bahnhof und schickten elf Menschen, elf Personen, die noch voller Freude waren, diesen Tag überlebt zu haben, deren Häuser vielleicht zerstört waren, doch die in der Hoffnung loszogen, bei Verwandten in der nächsten Stadt Unterschlupf zu finden, in den Tod.

Die beiden Brüder des Jungen waren zu jener Zeit weit weg von zu Hause, sie waren im Kampf. Sie haben ihre Freunde sterben sehen, brutal und blutig, mussten ihre toten, geschundenen Körper im Schlamm des Feldes zurücklassen und haben dennoch selbst getötet. Du oder ich, das ist der Krieg. Sie kehrten zurück, sie haben überlebt, doch sie waren sich selbst und ihrer Familie fremd geworden. Was sie erlebt hatten? Darüber haben sie nie gesprochen, es liegt schweigend und versiegelt in ihren Herzen. Vergeben und vergessen? Den anderen, ja. Sich selbst jedoch nie.

Er bricht über die Menschen herein, der Krieg, ohne Erbarmen. Er brennt sich in die Seelen aller ein, als wolle er sagen: „Ich bin gekommen, um zu bleiben“. Er zerstört die Hoffnungen der Menschen und raubt ihnen die Zukunft, er treibt sie fort, er nimmt ihnen die Heimat, die innere, wie die tatsächliche. Flieh oder stirb. Oder beides.

Der Junge aus der Geschichte ist mein Grossvater und was sich so sehr in seinen Erinnerungen festgesetzt hat, dass es scheint, als wäre es erst gestern gewesen, geschah vor nun beinahe 70 Jahren in einem kleinen Dorf, irgendwo in Deutschland. Aus heutiger Sicht wäre es wohl ein Kriegsverbrechen gewesen, dieser Angriff auf Zivilisten, weit entfernt von jeder militärischen Stellung, aber all das begab sich zu einer Zeit, in der man noch in anderen Kategorien mass.

Wenn er erzählt von dem, was er erlebt hat, davon wie es ihm, seiner Familie und seinen Freunden ergangen war, von denen, die fliehen mussten, von anderen, die zurückkehrten und jenen, die starben, und ich gleichzeitig in der Zeitung lesen muss, in welch würdeloser Manier Politik und Gesellschaft minimalste Zahlen von Kriegsflüchtlingen, die man bereit wäre aufzunehmen, aushandeln, bin ich einfach nur noch sprachlos. Als Kind hatte man mir immer gesagt, man solle aus der Vergangenheit lernen. Später hat mein Vater dann ergänzt, dass die Mehrheit das nur leider nicht tun würde und ich musste mit Bedauern feststellen, dass er Recht hatte. Ich frage mich wirklich, wozu wir all diese Kriegsgedenktage begehen, weshalb Guido Knopp beinahe täglich durch irgendeine Geschichtsdokumentation auf Mainstream-Niveau geistert, wenn wir offenbar absolut nichts dabei lernen. Es ist wirklich an der Zeit, dass uns nicht nur die Grauen des ins kollektive Gedächtnis eingegangenen Holocausts, sondern auch die Leiden der Millionen Menschen, die der 2. Weltkrieg dauerhaft oder zumindest vorübergehend aus ihrer Heimat vertrieben hatte, sagen lassen: „Nie wieder!“.

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