Monday, November 20th, 2017
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Die ewige Völkerwanderung (1)

Hitzig wird über die Frage der syrischen Flüchtlinge diskutiert. An Stammtischen, auf den Strassen und in der Politik werden Parolen skandiert, wird mit scharfen Argumenten geschossen und so manches Mal fällt es einem schwer, diese

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Hitzig wird über die Frage der syrischen Flüchtlinge diskutiert. An Stammtischen, auf den Strassen und in der Politik werden Parolen skandiert, wird mit scharfen Argumenten geschossen und so manches Mal fällt es einem schwer, diese Drei auseinanderzuhalten.

130.000 Syrer hat Europa bisher aufgenommen, über weitere 30.000 wird seit Monaten hart verhandelt. 270 Millionen Einwohner haben allein die vier grössten EU-Staaten, das wären dann lächerliche 0.006 Syrer pro Kopf, ein Schreckensszenario?

Vielleicht sollten wir einfach einmal hinter die Zahlen und auf die Menschen blicken:
Was 2011 zunächst noch eine friedliche Revolution Unzufriedener zur Befreiung der Gesellschaft von einem diktatorischem Regime sein sollte, führte die Menschen nicht etwa in eine bessere Zukunft, sondern verwandelte sich in einen blutigen, erbarmungslosen Krieg um Macht und individuelle Interessen, in dem die Menschen Syriens an aller letzter Stelle stehen und in dem es schon lange nur Verlierer gibt.

Geschätzte neun Millionen Menschen hat der Krieg bisher aus ihren Häusern vertrieben, das ist beinahe die Hälfte aller Syrer. Sechs Millionen von ihnen irren im eigenen, vom Krieg zerfurchten Land umher und drei Millionen haben es in die syrischen Nachbarländer Irak, Jordanien, Libanon und die Türkei geschafft. Doch auch das bedeutet noch lange nicht das Ende ihres Leidens: sie liessen all ihren Besitz zurück und befinden sich nun in einem fremden Land, in dem sie, die einst selbst produktive, angesehene Mitglieder der Gesellschaft waren, auf die Hilfe Fremder angewiesen sind, traumatisiert von den Erlebnissen des Krieges und der Flucht, völlig mittel- und perspektivlos stehen sie vor dem Nichts. Wer Glück hat, findet Aufnahme in einem der internationalen Flüchtlingslager, wer weniger Glück hat, findet sich mit samt seiner Familie, oder das, was von ihr übrig ist, auf der Strasse und in öffentlichen Parks wieder. Doch welchen Wert hat dieses Glück, wenn es bedeutet, dass es sich bei dem einzigen Schutz vor dem kalten Wintersturm, der beispielsweise im Dezember 2014 über den Nahen Osten fegte, um eine dünne Zeltplane handelt, wenn das Einzige, was deine Füsse von der Kälte des durchnässten, matschigen Boden trennt, ein paar billige Plastik-Latschen sind. Du magst am Leben sein, ja, doch viel mehr als diese physiologische Tatsache ist es dann auch nicht mehr.

Die internationalen Spenden reichen nicht aus, um zumindest den Grundbedarf all dieser Menschen zu decken, ganz zu schweigen davon, dass es gerade innerhalb Syriens zum Teil kaum möglich ist, die Hilfsgüter dorthin zu bringen, wo sie dringend benötigt werden. Heizöl oder Gas sind Mangelware, Strom gibt selbst in Damaskus nur noch 5 Stunden am Tag, andernorts schon lange nicht mehr. Und so häufen sich die Meldungen über Erfrorene und Verhungerte, es kommen uns Geschichten über Kinder zu Ohren, die seit Tagen nichts als Gras zu sich nehmen und die einhergehen mit Bildern ausgemergelter Körper, die uns, die wir hier sitzen in unseren warmen Wohnungen mit vollen Kühlschränken, so unvorstellbar grausam erscheinen, dass sie uns vielleicht deshalb kaum in den Hauptnachrichten präsentiert werden.

Über 200.000 Menschen fanden in diesem Krieg bereits den Tod.

Neun Millionen Menschen sind auf der Flucht vor den Kampfhandlung zwischen dem Regime und den verschiedensten Rebellengruppen, die fliehen vor den Soldaten, Fassbomben und Scharfschützen der eigenen Regierungen, vor dem Chaos eines Bürgerkriegs, in dem mit den Luftangriffen internationaler Verbände unter der Führung Amerikas nun neuerdings eine weitere Partei ihre zerstörerische Stimme erhoben hat und ein baldiger Frieden mehr denn je in weite Ferne gerückt zu sein scheint.

Neun Millionen Menschen, die ihre heissgeliebte Heimat, ihre Berufe, ihren Besitz und ihre Zukunft aufgegeben haben, für das eine Ziel: Überleben.

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