Monday, November 20th, 2017
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Gastbeitrag: Die Leidende

Ein Gastbeitrag von Léna Alexandra Die Nachricht über das tragische Ende einer jungen Frau aus meinem früheren Freundeskreis hat mich erreicht und mich erneut daran erinnert, wie unverhofft oder doch absehbar ein Todesfall passieren kann. Es

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Ein Gastbeitrag von Léna Alexandra

Die Nachricht über das tragische Ende einer jungen Frau aus meinem früheren Freundeskreis hat mich erreicht und mich erneut daran erinnert, wie unverhofft oder doch absehbar ein Todesfall passieren kann. Es liegt nahe, dass es ein Unfall oder Suizid war. Ich sehe ihr Foto, als stünde sie vor mir, eine hübsche, natürliche, junge Frau, beliebt und talentiert, schreibt Gedichte und Texte auf ihrem Blog, welches gerne gelesen wird.
Man könnte denken, das Leben meint es gut mit ihr, eigentlich hat sie so vieles, worüber sie sich freuen kann. Aber das Leben war ihr eine unerträgliche Last, mit tiefen psychischen Leiden. Ihre Texte hallen nach und sprechen über ihre Suche nach Identität, ihr „unwirkliches“ Dasein und ihre Krankheit. Sie offenbaren, was ihr Lächeln verbarg, was sie mit Rauschmitteln und Musik kompensierte, ein wenig Ablenkung und ein wenig Ruhe, wenn innerlich alles chaotisch und überfordernd ist bis zum Gefühl der Leere… nur der Schmerz bleibt und die ewige Suche, die in den Wahnsinn treiben, Körper und Seele krank machen und die Gedanken nie schlafen lassen. Das Ausmass ihrer seelischen Qual und ihres Kampfes, welchen sie Tag für Tag ausfechten musste und wofür sie viele Worte und den Sinn zu finden suchte, konnte niemand erfassen oder lindern und niemand wäre im Stande gewesen, ihre inneren Lücken zu füllen. Niemand. Verzweiflung, weil all die überwältigenden Gefühle nicht genug Ventil finden, all die Gedanken wie schlechte Dämonen stürmen, brennen, tosen und peitschen, bis die Kraft einen verlässt. Wenn die gelähmte Seele sich dann im Kampf ergeben hat und geknechtet den Tod bejaht, wird plötzlich alles still und der Fokus auf die eine letzte „erlösende“ Tat gerichtet.
In ihrem letzten Text zwei Monate vor ihrem Tod lese ich meine Gedanken und in ihrem Leben spiegelt sich meines, bevor ich Muslima wurde. Ihre stummen Hilferufe hätten noch meine sein können – ihr blieb aber nicht mehr viel Zeit. Ich möchte gerne ein paar Passagen aus ihrem Text vorstellen: „Wie viele Male stand ich dem Tode so nahe und bin doch geblieben. / Oft frage ich mich, wie lange werde ich noch leben. / Eine Möglichkeit zu existieren, die das Leben hier erträglich macht, das wäre mein Wunsch. / Ich wünsche mir eine Mitte. / Auch der Herbst ist so eine Zeit, wo ich immer anfange noch mehr zu grübeln. Diese Nebelschwaden an den Tannwäldern und alles in graues Licht getaucht, haben ja schon etwas sehr Melancholisches. Ja, die Natur wird langsam ruhiger…“
Es tut mir für sie Leid, weil sie nicht den Weg heraus fand und es tut mir für ihre Eltern Leid, die sich womöglich fragen, was sie hätten noch tun können um ihr Leben zu retten. Es berührt mich deshalb so sehr, weil ich eine ähnlich schwere Zeit durchgemacht habe und einen Ausweg fand. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich mit dieser Geschichte für meine Religion „missionieren“ möchte, aber ich denke, es geht allen Menschen so, die von ihrem Schöpfer rechtgeleitet werden: sie erhalten die grösste Gabe, welche der Seele in jeder erdenklichen Situation Trost spendet, Zuversicht und unzählige Gründe für wahre Freude und Erfüllung gibt um das teils beschwerliche Leben hier zu meistern und auch zu geniessen, die innere Mitte zu bewahren und Kraft zu schöpfen, dabei jedoch nie die Vergänglichkeit und den wahren Sinn unseres Daseins zu vergessen. Ich hätte es ihr gewünscht.
„Wir gehören Allah und zu Ihm kehren wir zurück.“ 2:156
Ergänzend möchte ich gerne allen ans Herz legen, die Mitmenschen nie zu ignorieren, die über ihre Probleme sprechen wollen und sie ernst zu nehmen, egal wie banal es wirken mag oder wie stark die Person sich gibt, oft leidet die Psyche im Stillen und in Momenten der Schwäche ist es entscheidend, ob jemand da ist oder nicht. Bitte achtet auf eure Mitmenschen und behandelt sie stets mit Mitgefühl, denn auch ein Fehlverhalten kann ein Indiz für Hilflosigkeit sein.

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