Monday, September 25th, 2017
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Exklusiv-Interview zum Thuner Kopftuchstreit

Gestern berichtete die „Sonntagszeitung“ von einer muslimischen 9. Klässlerin aus Thun, welcher letzte Woche der Zugang zur Schule verwehrt blieb, weil sie damit begonnen hatte ein Kopftuch zu tragen. Der Schuldirektor habe ihr klar gemacht, dass

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Gestern berichtete die „Sonntagszeitung“ von einer muslimischen 9. Klässlerin aus Thun, welcher letzte Woche der Zugang zur Schule verwehrt blieb, weil sie damit begonnen hatte ein Kopftuch zu tragen. Der Schuldirektor habe ihr klar gemacht, dass sie entweder das Kopftuch abziehen oder dem Unterricht fernbleiben muss. Der Klassenlehrer soll ihr vor den Augen der Mitschüler die Bücher entzogen und sie laut aufgefordert haben, der Schule fernzubleiben, ansonsten würde er die Polizei holen.
Eine schriftliche Verweisung erhielt die Schülerin nicht, trotz der mehrmaligen Bitte ihrerseits und der Eltern. Der Vater beteuert „Es war ihr Entscheid, das Kopftuch zu tragen und ich stehe hinter ihr“, wenn er die schriftliche Verfügung habe, werde er juristisch dagegen vorgehen. Der Thuner Schulvorsteher Roman Gimmel hatte für heute eine Sitzung einberufen, in der das weitere Vorgehen in diesem Fall festgelegt worden ist. Der Verweis des Schuldirektors wurde soeben aufgehoben. Wir haben mit Leyla über die Situation gesprochen.

Wie geht es dir angesichts der Situation in der Schule und der medialen Aufmerksamkeit?

Elhamdulillah, sehr gut. Obwohl ich auch sehr erschöpft bin, aber für Allah ist man nie zu erschöpft.

Gehst du gerne zur Schule und fühlst du dich in der Klassengemeinschaft gut aufgehoben?

Ja, sehr sogar. Ich war und bin immer noch die, die es immer mit jedem gut hat und die, die immer das Beste in jemandem sieht. Ich hatte nie ‘‘Feinde‘‘.

Was hat dich dazu bewegt, das Kopftuch zu tragen?

Seit dem Monat Ramadan habe ich viel über den Islam gelesen und mich informiert. Da wollte ich mehr für meinen Glauben machen und bekam den Wunsch mich zu bedecken.

Die Reaktionen des Schulleiters und eines Lehrers dir gegenüber sollen laut der Presse heftig gewesen sein. Was ist genau passiert?

Natürlich wollten sie das Kopftuch nicht und sie haben gemerkt, dass ich es auch nicht abziehen werde. Also haben sie versucht mich einzuschränken und mir Angst einzujagen, indem sie mich anschreien, mein Schulmaterial einsperren und mir den Unterricht verbieten. Das hat aber nicht geklappt.

Wie hast du dieses Auftreten dir gegenüber erlebt?

Ich versuchte nie Angst zu zeigen, obwohl ich manchmal Angst hatte. Aber als ich daran dachte, warum ich das mache und für wen, wurde ich mutiger und stolzer. Und an Angst habe ich gar nicht mehr gedacht.

Hast du mit so einer Reaktion gerechnet?

Nein.

Bist du das einzige Mädchen mit dem Kopftuch oder gibt es noch andere?

Es gibt noch ein Mädchen, die aus Somalia kommt. Sie ist in der 7. Klasse und trägt auch einen Kopftuch, muss es aber im Unterricht abziehen.

Was gab dir die Kraft, das auch in der Schule durchsetzen zu wollen?

Ich dachte daran, wie viel Lohn ich dafür bekommen werde, und dass Allah inschallah stolz auf mich sein wird. Also egal was du machst, wenn es für Allah ist, ist es immer richtig.

Was sagen deine Eltern zu all dem?

Am Anfang machten sie sich Sorgen und hatten ein bisschen Zweifel. Aber als sie merkten, dass ich es ernst meine, waren sie voll auf meiner Seite und unterstützten mich.

Hast du Bedenken, dass sich diese Angelegenheit auch in Zukunft auf deinen Alltag als Schülerin auswirken wird (dass sich der ein oder andere Lehrer unter Umständen nicht mehr neutral ihr gegenüber verhält, weniger Unterstützung o.ä.)?

Ja. Auf jeden Fall. Mein Klassenlehrer hatte mir fast eine reingehauen. Aber ich glaube, dass es sich nur bei manchen ändern wird.

Was sagen deine Klassenkameraden zu der ganzen Sache?

Viele sind stolz auf mich und unterstützten mich sehr, den anderen ist es egal. Aber stören tut es niemanden.

Warum hast du dich dazu entschieden, deinen Fall öffentlich zu machen?

Damit andere Mädchen, die in solch einer Situation sind und sich nicht entscheiden können, Motivation und Mut bekommen und es auch irgendwann Inschallah schaffen.

Was würdest du dir für die Zukunft im Bezug auf muslimische Schülerinnen und Schüler wünschen?

Dass sie sich in der Schule wohl fühlen. Dass die Lehrer und Schüler sie so akzeptieren, wie sie sind. Und dass, wenn ein Mädchen ein Kopftuch trägt, es normal ist.

Morgen darfst du mit Kopftuch in die Schule. Freust du dich über den Entscheid?

Ja, sehr, ich bin sehr froh, dass ich die Schule wieder besuchen kann.

Vielen Dank für das Interview.

 

 

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