Monday, November 20th, 2017
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„Es ist wichtig, in solchen Konflikten zu sagen, dass man so etwas nicht einfach akzeptiert“ Interview mit Dawud Ansari zu den TU Gebetsprotesten

Die Technische Universität in Berlin machte mit der Schliessung der Gebetsflächen über die Grenzen Deutschlands Schlagzeilen. Letzten Freitag kam es beim Protest der muslimischen Studierenden und Mitarbeiter, die das Freitagsgebet auf der Grünfläche des Campus verrichteten, zum Eklat. Wie

Dawud Ansari - Pressesprecher des muslimischen Studentenprotests

Die Technische Universität in Berlin machte mit der Schliessung der Gebetsflächen über die Grenzen Deutschlands Schlagzeilen. Letzten Freitag kam es beim Protest der muslimischen Studierenden und Mitarbeiter, die das Freitagsgebet auf der Grünfläche des Campus verrichteten, zum Eklat. Wie es dazu kam und wie die Muslime damit umgehen teilt uns der Pressesprecher des muslimischen Studentenprotests Dawud Ansari mit.

 

Qalam: Herr Ansari, vielen Dank für das Interview. Können Sie uns etwas über sich erzählen?

Dawud ANSARI: Zunächst vielen Dank für die Einladung zu diesem Interview. Ich bin 24, in Berlin aufgewachsen, syrischer Herkunft, habe Volkswirtschaftslehre studiert, mache meinen Doktor und arbeite als Wissenschaftler im Bereich Energie- und Ressourcenökonomie / angewandte Mathematik. Weiterhin gehöre ich zum Lehrpersonal an der TU Berlin und arbeite bereits seit Jahren mit verschiedenen Studierendenverbänden (insb. dem Verein jemenitischer Studenten Deutschland und der Union syrischer Studenten und Akademiker) an vielen bildungsbezogenen Veranstaltungen, z.B. als ehrenamtlicher Lehrer oder Eventmanager. Zuletzt engagiere ich mich vor allem als Pressesprecher in den Protesten.

 

„Freitagsgebet als Protest“ titelt die taz. Was ist vorgefallen in Berlin?

ANSARI: Nachdem die TU Berlin im März ihren Beschluss umgesetzt hatte, keine Gebetsflächen mehr zur Verfügung zu stellen, wurde das Freitagsgebet für die zahlreichen muslimischen Studierenden und Mitarbeiter auf einer abgelegenen Grünfläche auf dem Campus abgehalten. Am 13. Mai kam es dann zum Eklat; ein führendes Mitglied der Hochschulleitung hatte sich vor die Betenden gestellt und auf Nachfrage eines Studenten die Drohung ausgesprochen, dass Einzelgebete „vermutlich“ toleriert werden würden, es bei einem Freitagsgebet allerdings eine „angemessene Antwort“ durch die Sicherheitskräfte gäbe.

 

Gab es schon zuvor Probleme bezüglich des Betens an der Hochschule?

ANSARI: Die TU Berlin hatte im Januar 2016 ihren Beschluss bekannt gegeben, einen seit mehr als 50 Jahren bestehenden Gebetsraum zu schließen sowie die ebenfalls jahrzehntelange Bereitstellung der Turnhalle für das Freitagsgebet zu beenden. Bis dahin war die TU Berlin vor allem in der arabischen Welt für ihre Offenheit und ihren respektvollen Umgang mit Muslimen bekannt. Da es auch keinerlei Anlass gab, kam diese Entscheidung sehr plötzlich und schockierend. Auch auf Nachfrage hin wurde uns bestätigt, dass es keine akuten Probleme gab.

 

Gab es eurerseits Bestrebungen mit der Direktion der TU das Gespräch zu suchen und wie verlief es?

ANSARI: Auf die Schließungsankündigung, welche lediglich eine anonyme Heftnotiz an der Tür des Raumes war, folgte natürlich Bestürzung von Seiten der Muslime, welche sich ausgegrenzt und von ihrer Universität verraten fühlten – vor allem da die Schließungspläne auch nie kommuniziert wurden. Wir haben erst später durch Medieninterviews erfahren, dass der aktuelle Präsident der TU Berlin im Geheimen bereits seit zwei Jahren an den Schließungsplänen gearbeitet hat. Als Reaktion haben die islamischen Studierendenverbände an der TU Berlin zusammen eine Petition vorbereitet, welche von etwa 600 Muslimen innerhalb von nur wenigen Tagen unterschrieben wurde. Auf unsere Anfrage hin kam es danach zu einem Treffen mit dem Präsidenten der Universität, welcher Kompromisse vollkommen ausgeschlossen hat und das Gespräch lediglich genutzt hat, um die Endgültigkeit seiner Entscheidung zu unterstreichen.

 

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Flyer der muslimischen Studierenden

 

Was sind eure Forderungen?

ANSARI: Diese sind natürlich sehr simpel. Zunächst fordern wir ein Abrücken von den empörenden Drohungen gegen Studenten, sollten diese weiter beten – so etwas ist auch gar nicht mit dem Deutschen Grundgesetz vereinbar. Weiterhin verlangen wir die Wiederüberlassung von adäquaten Gebetsflächen. Selbstverständlich zeigen wir uns auch mit einem überkonfessionellen Raum, als also einem sogenannten Raum der Stille einverstanden. Entgegen einiger falscher Tatsachenbehauptungen in den Medien ist der Protest selbstverständlich zu keinem Zeitpunkt „antisemitisch“ motiviert oder richtet „Drohungen“ gegen Universitätsmitglieder; das sind schlichte Verleumdungen. Wir setzen uns lediglich kritisch für ein Miteinander an der Universität ein.

 

Wird es weitere Proteste geben?

ANSARI: Ich kann natürlich keine verbindlichen Aussagen treffen, insbesondere hinsichtlich Zeit oder Art, allerdings denke ich nicht, dass die Studierenden der TU Berlin jetzt aufgeben möchten. Wir erwarten natürlich nicht, dass ein Präsidium, welches sich in seiner Entscheidung derartig fanatisch zeigt, seine Meinung plötzlich ändert, allerdings hoffen wir auf eine Änderung mit der Zeit. Außerdem ist es wichtig, in solchen Konflikten Zeichen zu setzen; zu sagen, dass man so etwas nicht einfach akzeptiert. Das Freitagsgebet selbst wird, solange Bedarf besteht, auf öffentlichem Gelände abgehalten.

 

Wie reagieren nichtmuslimische Studenten oder auch die Dozenten auf euren Protest?

ANSARI: Natürlich begegnen wir auch Universitätsangehörigen, die sich auf die Seite der Universitätsleitung stellen, allerdings signalisiert uns die Mehrheit der von uns befragen Studierenden, dass diese den Protest verstehen und die Entscheidung des Präsidenten ebenso wenig nachvollziehen können. Vor allem erleben wir allerdings, dass Leute überrascht reagieren, das heißt sie wussten zuvor gar nicht worum es geht. Das ist für uns auch ein großes Zeichen, dass es weiter Aufklärungsbedarf gibt, dem durch Öffentlichkeitsarbeit und Demonstrationen abgeholfen werden kann.

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Freitagsgebet auf dem Campus der TU. Bild: Martin Lejeune

 

Erfahrt ihr Unterstützung von Muslimen ausserhalb des universitären Umfelds?

ANSARI: Insbesondere nach dem letzten Protest haben viele muslimische Gemeinden in Berlin ihre Zustimmung und Unterstützung zu dem Protest signalisiert, was für uns ein wichtiges Zeichen ist. In einer solchen Zeit ist es wichtig, Geschlossenheit zu zeigen. Gerade deshalb bestürzt es mich persönlich sehr, wenn ich höre oder lese, wie sich einzelne Muslime – teilweise aus Angst, teilweise aus falscher Überzeugung – sich teilweise sogar beleidigend gegen die Proteste äußern. Oft verstehen diese die zugrundeliegende Debatte gar nicht und wiederholen einfach nur einige Fetzen, die sie in den Medien aufgeschnappt haben.

 

Wie gestaltet sich das Beten an anderen Institutionen? Gibt es entsprechende Möglichkeiten? Gab es dort ebenfalls Probleme?

ANSARI: Berlin verfügt über zahlreiche Universitäten und Fachhochschulen mit sehr verschiedenen demographischen Gegebenheiten. Die TU Berlin und die Beuth Hochschule für Technik verfügen über die relativ größten Anteile an Muslimen, sodass diese lange über Gebetsflächen verfügt hatten. Wie im Falle der TU Berlin wurde an der Beuth Hochschule der Gebetsraum aus nebulösen Gründen – irgendetwas zwischen Alternativnutzung und Baufälligkeit, Hochschulen sind sich da plötzlich selbst immer auffällig unsicher – vor etwa zwei Jahren geschlossen. An anderen Hochschulen verrichten die kleineren muslimischen Gemeinden ihre Gebete oft in Treppenhäusern.

 

Vielerorts hört man das Argument, dass in einem säkularen Staat Gebetsräume an Universitäten oder Hochschulen nichts zu suchen haben. Was sagt ihr dazu?

ANSARI: Das ist als pauschale Aussage natürlich Unsinn. Das Grundgesetz garantiert die Neutralität des Staates hinsichtlich religiöser oder weltanschaulicher Bekenntnisse. In der Praxis der Universität bedeutet dies: Der Lehr- und Wissenschaftsauftrag der Universität darf nicht religiös beeinflusst werden. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn eine religiöse Gruppe auf den Lehrplan einwirken wollte. Ein Gebetsraum ist ein Ort, an dem Universitätsangehörige ihrem verfassungsgestützten Recht auf freie, individuelle Religionsausübung nachgehen – er ist vielmehr eine Umsetzung des Neutralitätsgebotes und es ist natürlich absurd zu behaupten, ein Gebetsraum würde die wissenschaftliche Neutralität der Hochschule in Gefahr bringen. In der Praxis wird dieses abwegige, strikte Verständnis auch nie angewendet: Das Neutralitätsgebot umfasst im selben Atemzug auch weltanschauliche Neutralität und trotzdem sehen wir verschiedenste politische Gruppen an Hochschulen agieren.

 

Was würdest du Muslimen raten, die am Arbeitsplatz oder an der Schule gerne beten möchten?

ANSARI: Es ist wichtig, dass Muslime endlich ihren Dankbarkeitskomplex ablegen. Viele haben die Vorstellung, sie müssten dankbar sein für ihre Arbeit, dankbar für ihren Studiums- oder Schulplatz, ja vielleicht sogar dankbar in diesem Land zu sein, und folglich müsse man über einige Dinge wie auch das Gebet hinwegsehen. Dafür gibt es allerdings keinen Grund – genauso wie ich froh über meine Arbeit bin, sollte mein Arbeitgeber froh sein, mich als Arbeitnehmer zu haben. Wenn es wirklich der Fall sein sollte, dass Gebet und Arbeitsplatz einmal nicht vereinbar sind… so what? Dann werde ich mir einen neuen Arbeitgeber suchen, der kein Problem damit hat, wenn ich bete. Ohnehin, in nahezu jedem Fall der mir bekannt ist, gibt es eine Möglichkeit, in der Schule oder am Arbeitsplatz zu beten. Oft schämen sich Muslime auch einfach zu fragen ohne das jemals getan zu haben – ohne Grund. Die geltende deutsche Rechtsprechung sieht übrigens vor, dass – außer in gewissen Ausnahmefällen – ein Arbeitnehmer das Recht auf Pausen zum Beten hat.

 

Gibt es sonst noch etwas, was du gerne loswerden möchtest?

ANSARI: Ich denke, dass es viele gibt, die befürchten, dass es negative Folgen haben kann, sich für seine Religion einzusetzen. Um es vorweg zu nehmen, das ist teilweise auch berechtigt: Infolge eines Hertzartikels über mich in meiner Funktion als Sprecher diskutieren einige Facebook-Gruppen bereits, ob man mich lieber abschieben (wahlweise nach Syrien oder Saudi-Arabien), arbeitslos machen, oder einfach direkt umbringen sollte. Doch aus zwei Gründen bereitet mir das weder Angst, noch Kopfzerbrechen: Zum ersten weiß ich, dass alles was mir passiert, von Allah geschrieben ist – im Guten wie auch im Schlechten. Ich gebe mein Bestes, handle mit Intelligenz und Integrität, und das Ergebnis liegt nicht im meiner Hand. Zum anderen beweist uns der Rechtsruck in Europa genau eines: Man hat Unbehagen davor, dass wir Muslime uns nicht unterkriegen lassen, uns nicht den Mund verbieten lassen und dass wir für unsere Religion einstehen. Dass es Werte und Dinge gibt, die für uns nicht verhandelbar und unveräußerlich sind. Dass wir für unsere Rechte einstehen und dabei als Gemeinschaft zusammenhalten. Und solange das der Fall ist, ist das auch genau der richtige Weg.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

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