Monday, September 25th, 2017
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Eine Zeitreise im Kosovo

Zeit ist relativ – und heute läuft sie per definitionem schnell, rastlos und vergeht unbemerkt. So fühlt es sich zumeist an. Die Faktoren für die Schnelllebigkeit sind gegeben und je nachdem sind der Umgang mit

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Zeit ist relativ – und heute läuft sie per definitionem schnell, rastlos und vergeht unbemerkt. So fühlt es sich zumeist an. Die Faktoren für die Schnelllebigkeit sind gegeben und je nachdem sind der Umgang mit der Zeit und das Empfinden solcher Faktoren und ihrer tatsächlichen Einflussstärke sehr unterschiedlich gelagert.
Eigentlich sind wir die meiste Zeit im Beschäftigungsmodus, oft tun wir sogar mehrere Dinge gleichzeitig und planen dabei bereits den nächsten Schritt – und dabei ist einem die Zeit trotzdem immer voraus. Wir strukturieren und berechnen unsere Zeit, damit sie ja nicht verloren geht, die Uhr ist unsere stete Begleiterin. Aber wenn wir plötzlich Zeit haben, sei es beim Warten an der Haltestellen oder im Stau, wenn ein Termin kurzfristig abgesagt wurde oder ganz simpel, wenn wir krank werden, dann können wir meist nicht so einfach in den Ruhemodus schalten, sondern versuchen uns selbst dann noch mit etwas zu beschäftigen, weil wir zielorientiert leben. Alles muss zu einem Ziel führen, jede Handlung muss ein Resultat ergeben und das möglichst rasch. Selbst wenn wir spontan in den Tag leben – und dann vielleicht sogar umso mehr – wollen wir unsere Zeit mit möglichst viel Beschäftigung und zu erreichenden Zielen füllen, damit wir nicht stagnieren. Dazu gibt es einen interessanten Hadith:

„Die Stunde wird nicht beginnen, bis die Zeit nicht schnell vergeht. So wird ein Jahr wie ein Monat sein und ein Monat wie eine Woche und eine Woche wie ein Tag und ein Tag wie eine Stunde und eine Stunde wird wie das Abbrennen einiger Palmblätter sein.“ (Ahmad, Abu Huraira)

Dieser Hadith wird auf zwei Arten ausgelegt: wörtlich interpretiert und metaphorisch. Wörtlich interpretiert, d.h. die wirkliche Verkürzung der Zeit, sei (noch) nicht eingetreten. Metaphorisch betrachtet jedoch sei dies bereits durch tatsächliche Faktoren eingetreten. Beispielsweise reisen wir heute viel schneller von A nach B, kommunizieren zu jeder Zeit mit unseren Freunden über das Handy, sind ununterbrochen erreichbar und müssen zudem einen enormen Informationsfluss verarbeiten. Wir sind also ziemlich stark unter Strom und unser Organismus und Psyche kann das auf Dauer nicht immer richtig aufarbeiten. Kollabiert der Organismus oder die Psyche, kommt es zum Burnout oder Depression und die „innere Ruhe“ muss wieder therapeutisch erlernt werden, indem die Zeit dafür genommen wird. Muslime können die Gebetszeiten sehr gut dafür nutzen und müssen es auch, denn das Gebet verlangt Konzentration, Ruhe, Spiritualität und Verinnerlichung.

Durch den konstant wahrgenommenen „Zeitmangel“ neigt man dazu, sehr mit sich und dem eigenen Leben beschäftigt zu sein. Und damit komme ich zum eigentlichen Punkt, den ich erläutern möchte: In der heutigen Zeit sucht man zu oft vergebens nach Menschen, die ihre Zeit selbstlos für andere aufwenden, helfen, wo sie können und so flexibel sind, dass sie jegliche freie Zeit eben dafür verwenden, etwas Gutes zu leisten. Je nach Kultur kann man sehr gut beobachten, mit welcher Zeit-Mentalität und welchen Zielen gelebt wird. Hier in der Schweiz gestalten wir unsere Freizeit nebst der Arbeit oder dem Studium gerne fix ohne grosse Veränderung, damit wir möglichst viel davon profitieren können. Im Kosovo habe ich eine andere Mentalität empfunden und auch die hier in der Schweiz lebenden Kosovaren gehen bedingungslos flexibel mit ihrer Zeit um, was mich sehr beeindruckt. Sie sind überstundenfreundlich, arbeitsam und schuften fallweise bis zur Invalidität. Worauf ich jedoch hinaus will, ist ihre starke soziale Verbundenheit. Meldet sich Besuch an oder kommt dieser spontan vorbei, wird alles stehen und liegen gelassen und die Besucher werden gastfreundlich bewirtet. Es müsste schon ein sehr dringender Fall vorliegen, wenn Besuch abgelehnt wird. Auch Einladungen werden im Normalfall immer angenommen. Was mich aber wirklich beeindruckt, ist die unkomplizierte Bereitschaft, Hilfe zu leisten, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, in welcher Distanz und zu welchem Ereignis auch immer. Sobald die Zeit und die Mittel zur Verfügung stehen, wird kompromisslos geholfen – und manchmal wird einem die Hilfe geradezu aufgedrängt – ohne eine Gegenleistung zu erwarten. In den Ferien habe ich gemerkt, wie unverkrampft mit der Zeit umgegangen wird und manchmal war ich damit überfordert, weil ich gewohnt zeitgebunden bin – das war eine interessante Selbsterkenntnis. Aber auch da finde ich es sehr wichtig, die Zeit für Ruhe zu reservieren um der Gesundheit nicht zu schaden.

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