Monday, November 20th, 2017
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Die Menschen sind das Gefängnis dieser Welt

Es gibt viele Arten von Gefängnissen. Oft denkt man bei diesem Wort an eine winzige Gefängniszelle, dabei ist Gefangensein nicht auf eine physische Ebene beschränkt und so kann einen eine Situation ebenfalls gefangen halten. Ich

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Es gibt viele Arten von Gefängnissen. Oft denkt man bei diesem Wort an eine winzige Gefängniszelle, dabei ist Gefangensein nicht auf eine physische Ebene beschränkt und so kann einen eine Situation ebenfalls gefangen halten. Ich würde fast meinen, dass die geistige Gefangenschaft – und hierbei möchte ich nun Gefängnisstrafen, welche aus einer schlimmen Straftat resultieren und oft ebenfalls eine psychologische Komponente haben, aussen vor lassen – schlimmer, als jeder physischer Kerker ist. Ich denke dabei an folgende Situationen:

Ein 10-jähriger Bub hat strenge Eltern, die zudem viel von ihm erwarten. Sie sind schwer zufriedenzustellen und jedes Mal, wenn er eine Note oder eine Arbeit nach Hause bringt, bereitet ihm die Vorstellung darüber, wie sie seine Arbeit bewerten würden, so grossen Kummer, dass es ihn beinahe krank macht. Schliesslich sind sie oft unzufrieden mit ihm und das wiederum schränkt ihn in seiner geistigen Entfaltung ein.
Das gutaussehende Mädchen zwingt der von ihr wahrgenommene Druck, gesellschaftlichen Normen zu genügen, noch schöner sein zu wollen. Witzig, locker und schlagfertig soll sie zudem sein. Sie ertappt sich dabei, wie sie genau darauf achtet, ob sie dieser oder jener Typ ansieht, ihrem Auftreten die ihm gebührende Aufmerksamkeit schenkt, nur um das Ersehnte bestätigt zu bekommen: sie ist schön. Und dabei realisiert sie nicht einmal, wie sehr sie von dieser Anerkennung abhängig ist.
Der Mann mittleren Alters, der hart arbeitet und dabei den Gemütszustand, die Gefühle seiner Ehefrau vergisst. Ja, vielleicht nervt sie ihn gar ab und an, weil sie einfach nicht still sein kann und ihm dann auch noch vorwirft, ihr gegenüber unaufmerksam zu sein – seiner Erschöpfung sei Dank. All das lässt das schlechte Gewissen in ihm aufkeimen und Schuld überkommt ihn, denn sie hat Recht. Doch ändert sich dadurch nichts, vielmehr erhöht sich der Druck auf ihn, seine psychische Erschöpfung nimmt zu und baut sich wie die Mauern eines Gefängnisses um ihn herum auf.
Die kopftuchtragende Muslima, die im Supermarkt einkauft, wird von den Blicken ihrer Mitmenschen durchbohrt. So oft schon wurde sie in der Universität auf ihre muslimische Identität angesprochen und sollte Stellung zu dieser Gruppe oder jenen Taten beziehen. Unabhängig davon, wie es ihr selbst geht und ohne die nötige Sensibilität, mit der man seinen Mitmenschen in der Regel begegnet, kommt unvermittelt und wie aus der Pistole geschossen: „Warum trägst du eigentlich ein Tuch auf dem Kopf?“
Jeder von uns kennt Tage, an denen es scheint, als seien alle Gedanken, der ganze Geist nur an eine Situation oder ein Erlebnis gebunden, welche ihre gesamte Kapazität beanspruchen. Was, wenn ein schlimmer Vorfall gerade die Familie des Gegenübers erschüttert hat, es gerade medial thematisiert wird oder gar ständig im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht und gefühlt alle Aufmerksamkeit auf sich zieht? Würden wir uns da nicht alle gefangen fühlen?

Es sind die Menschen, welche die Mauern deines Gefängnisses errichten, welche am Ende festlegen, wie und wo du dich frei bewegen, frei fühlen und gemäss deiner Fasson verhalten darfst.
Es sind die Sorgen und der Kummer über das Zwischenmenschliche, welche dich deiner geistigen Freiheit berauben und dadurch weit tiefer greifen, als ein Gefängnis aus Stein und Beton.
Diese Gedanken steigen immer dann in mir hoch, wenn ich auf Reisen bin. Ich sitze hier in einem Hotel und in einem Land, in dem sich die Menschen, die ich kenne und die mich kennen, ab einer Hand abzählen lassen. Ich gehe raus, sitze im Restaurant, mache Sightseeing und fühle mich dabei frei. Selbst wenn ich alleine im Hotelzimmer verweile, die Sonne geniesse und das Leben draussen beobachte, selbst dann, wenn ich es nicht verlassen könnte, ich bin frei.

Du kannst in deinen vier Wänden sein oder von mir aus in Haft – ist dein Geist und/oder dein Gewissen frei, empfindest du diese örtliche Einschränkung höchstens als Störfaktor – klar, du bist darin beschränkt rauszugehen oder etwas einzukaufen – aber deine Seele kann fliegen und somit bist du frei.
Es sind die Menschen um dich herum, die etwas von dir erwarten, die dir vorschreiben wollen, was du gut oder schlecht zu finden hast. Jene Menschen, die aus dem Fenster starren, wenn du das Haus verlässt und nachsehen, wann du zurückkehrst oder mit wem du dich triffst. Diejenigen, welche auf Social Media Plattformen nachsehen, mit wem du dich unterhältst, was du teilst oder gar, wann du das letzte Mal online warst, solche, die anmahnen, was du am Islam gut zu finden hast, was nicht, wie du ihn ausleben sollst und wie nicht. Hier schliesse ich natürlich alle anerkannten Meinungen der Gelehrten und die allgemeingültige Lebensweise der Muslimen aus. Ich denke dabei an unwissende Muslimen und besserwisserische Nichtmuslime, die mir zum Beispiel vorschreiben wollen, ob nun Verhüllung im Qur`an erwähnt wird oder nicht und wie man welchen Vers auszulegen hat.
Obwohl wir in einer „freien“ Gesellschaft leben, in der ein Jeder so lange „frei“ sei, bis es andere in seine „Freiheit“ einschränke, scheint mir aber, dass wir die meiste Zeit unsere Freiheit dazu nutzen, andere ihrer Freiheit berauben zu wollen.

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