Monday, November 20th, 2017
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Die Ermahnung, die Abrechnung und der Schuldige

Wir sehen es zu oft, tun es selbst bei gefühlt jeder Gelegenheit, die sich uns bietet: den anderen für den kleinsten Fehler angreifen. Wisst ihr, was wir weniger oft machen? Uns selbst anprangern. Natürlich muss

schuldige

Wir sehen es zu oft, tun es selbst bei gefühlt jeder Gelegenheit, die sich uns bietet: den anderen für den kleinsten Fehler angreifen. Wisst ihr, was wir weniger oft machen? Uns selbst anprangern. Natürlich muss das nicht öffentlich geschehen, aber warum sehe ich keinen, der sagt: “Ach, ich sollte mehr Qur`an lesen! Ach, ich sollte besser über meine Geschwister denken! Ach, ich sollte meine schlechten Eigenschaften überwinden?”

Wie heisst es so schön: Die Fehler der anderen beurteilen wir als Richter, die Unseren als Verteidiger. Dabei kämen wir viel weiter, wenn jeder mehr versuchen würde, sich selbst zu verbessern, anstatt andere anzugreifen und Feindschaft in die Reihen der Muslime zu bringen.
Gleiches gilt übrigens für die Frage nach der Schuld: Wenn es darum geht, den Schuldigen für ein Unheil oder eine vorherrschende verbesserungswürdige Realität der Muslime beim Namen zu nennen, sind immer die Anderen Schuld, doch nie sind wir selbst die Schuldigen.
Ist einer schlecht  in der Schule: der islamophobe Lehrer tägt die Schuld dafür.
Die “islamische Welt” hinkt in den Wissenschaften und neuen Technologien hinterher und was tun wir? Wir glauben an eine abstruse jüdische Verschwörungstheorie.
Überhaupt: Wieso sind so viele Muslime dermassen anfällig für Verschwörungstheorien? Für fast jedes Unheil in der muslimischen Ummah gibt es eine Verschwörungstheorie und in der Regel werden dafür der „Westen“ oder die „Zionisten“ verantwortlich gemacht. Nie sind wir, die Muslime selbst, die Schuldigen. Nie geben wir zu, dass wir versagen, dass wir uns zu wenig bemühen, dass wir es zulassen, dass uns Diktatoren wie Sissi oder Assad regieren, dass wir nicht in der Lage sind, selbstständig den medialen und gesellschaftlichen Diskurs zu beeinflussen. Dass wir keine Visionen verfolgen oder gar welche haben. Wir agieren nicht, wir reagieren. „Die bösen Medien“ heisst es zu oft. Tja, was erwartest du? Jeder geht dem nach, was er für richtig hält und wozu er sich ideologisch verpflichtet fühlt. Wenn es anscheinend Menschen oder Institutionen gibt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, andere Systeme, Weltanschauungen oder Werte zu diskreditieren oder gar zu bekämpfen, kannst du doch nicht darauf warten, dass sich daran spontan etwas ändert. Es geht doch auch niemand davon aus, dass ihm jemand Geld zuwirft, der Arbeitgeber den Arbeitsplatz für ihn freihält oder das Abschlusszeugnis vom Himmel fällt?
Wieso glauben wir dann aber, dass unsere Lage sich erst dadurch bessern wird, wenn andere damit aufhören, uns negativ zu begegnen?

Abschliessend bleibt zu sagen, dass es natürlich die Nasiha braucht, aber seien wir mal ehrlich: die grösste Nasiha, die wir anderen geben können, ist, ihnen selbst ein Beispiel zu sein, das, was wir an anderen vermissen selbst zu leben und versuchen, zunächst einmal unsere eigenen Fehler zu korrigieren, sei es öffentlich für die Gemeinschaft oder für sich ganz allein im Stillen.

„Rechnet mit euch ab, bevor mit euch abgerechnet wird.“ Umar ibn al-Khattab

 

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