Monday, November 20th, 2017
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Der gewaltige Verlust

Gastbeitrag von HT Von Abu Huraira wird berichtet, dass der Prophet (sas) sprach: „Der Imam (Kalif) ist ein Schutzschild; man kämpft hinter ihm und schützt sich durch ihn.“ (Muslim) Die Umma des Gesandten (sas) lebte etwa 1400 Jahre

Kalifat

Gastbeitrag von HT

Von Abu Huraira wird berichtet, dass der Prophet (sas) sprach: „Der Imam (Kalif) ist ein Schutzschild; man kämpft hinter ihm und schützt sich durch ihn.“ (Muslim)

Die Umma des Gesandten (sas) lebte etwa 1400 Jahre unter der Führung eines Kalifen und dieser Kalif schütze das Blut, die Ehre der Muslime. Das Kalifat bildete den Kern der islamischen Gemeinschaft, ermöglichte ihren Aufstieg und agierte mehrere Jahrhunderte einflussreich auf den Bühnen der Weltpolitik. Wenn wir die heutige Realität betrachten, sehen wir keinen derartigen, auf den Fundamenten des Islam aufbauenden Staat. Vielmehr sehen wir Dekadenz und Leid in den Ländern des Islam, deren Bewohner umzingelt sind von zahlreichen Aggressoren, die ihre unterschiedlichen Interessen verwirklichen wollen und dabei das Blut der Muslime missachten. Das Leid der Muslime hat ein Ausmass erreicht, das wir noch nie zuvor gesehen haben und begonnen hat alles, als zu Ende ging, was essentiell für den Bestand der Umma war, das Kalifat! Es fand heute vor genau 92 Jahren, am 03. März.1924 sein Ende.

„Der Kalif Abdul Medid, sein Sohn Ömer Faruk Efendi und ihre nächsten Familienangehörigen mussten Konstantinopel nachts und ohne grosses Aufsehen verlassen. Diese Entscheidung der Nationalversammlung in Ankara wurde dem Kalifen im Thronsaal des Dolmabahce Palastes durch den Wali (Gouverneur) von Konstantinopel, Dr. Adnan Bey, dem Repräsentanten des türkischen Aussenministeriums und Sadeddin Bey, dem Leiter der Konstantinopler Polizei zusammen mit dem Vorsitzenden der Polizei von Ankara bekanntgegeben.“ (The Times“, 5. März 1924)

Seit diesem Tag symbolisiert der 03. März einen der düstersten Tage für diese Umma, die über Jahrhunderte hinweg unter dem Schutz des Kalifen stand, beginnend mit dem ersten Kalif Abu Bakr (ra) bis hin zu Abdul Medid. Die Gemeinschaft des Propheten (sas) erlebte ihren ersten politischen Aufstieg in Medina und blicken wir zurück, so sehen wir, wie sich die Umma in über 1000 Jahre unter den Kalifen entwickelte. Der erste islamische Staat wurde im 7. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung in Medina vom Propheten (sas) gegründet und machte ein unbedeutendes Volk, die Araber, innerhalb weniger Generationen zu einer absoluten Weltmacht, die das Weltgeschehen über 1300 Jahre hinweg mitbestimmte.

Die Zerstörung des Kalifats hatte eine Reihe unterschiedlicher Ursachen. Bei genauer Betrachtung der islamischen Geschichte sehen wir einige Eigenschaften hervorstechen, die enormen Einfluss auf die Umma hatten und von jeher war es vor allem ein schwacher Geist, der unweigerlich dazu führte, dass Menschen instrumentalisiert wurden und ihre Realität falsch bewerteten. In der Geschichte der islamischen Gemeinschaft sehen wir die verschiedensten Problem auftauchen – angefangen bei internen Konflikten, bis hin zur Vernachlässigung islamischer Gesetze. Jede Epoche hatte ihre individuelle Prüfung, ihre Existenzfrage und so war der Zerfall des islamischen Staates ein multi-kausaler Prozess. Eine der wichtigsten Ursachen für den Niedergang der islamischen Hochkultur war jedoch der intellektuelle Niedergang der Umma, der damit begann, dass die staatlichen Autoritäten nicht länger islamische Quellen für die Ableitung von Rechtssprüchen herangezogen hat. Dabei schreibt die islamische Lebensordnung den Muslimen doch vor, dass nur der Islam Massstab ihres Denkens und Handelns sein kann:

„Nein, bei deinem Herrn, sie sind nicht eher Gläubige, bis sie dich zum Richter über alles erheben, was zwischen ihnen strittig ist, sie sodann in ihren Herzen keinen Argwohn gegen deine Entscheidung hegen und sich vollends ergeben.“ (4:65)

Wenn Probleme oder Konflikte auftauchen, dann sollten Rechtsgelehrten die Quellen des Islams heranziehen, um aus ihnen für die sich stetig verändernde Realität einen Rechtsspruch abzuleiten. Bleibt dies aus, so zieht man unweigerlich ausserislamische Ideen und Grundsätze zu Rate, um für das bestehende Problem eine Lösung zu finden, und diese fehlende islamische Grundlage von Rechtsprechung musste in einer Abweichung vom Islam münden, in einem schwachen islamischen Selbstverständnis und endete letztlich auch in einem schwachen politischen System. Auch innerhalb des Osmanischen Reiches zeigte sich mehr und mehr das falsche Islamverständnis, das die Umma im Laufe der Zeit kumuliert hatte und wurde noch dadurch verstärkt, dass Gesetze, die ursprünglich auf dem Islam fremden Elementen basierten, durch die höchsten Religionsgelehrten legitimiert wurden. Hinzu kam der Nationalismus, der nicht nur in den Ländern der Muslime, sondern weltweit Einzug hielt und der auch von den Jungtürken, die sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierten, und ihren liberalen Ideen mitgetragen wurde. Am  Ende dieser politischen Umwälzungen mit ihren verschiedenen Akteuren – aus dem inneren des Reiches, aber auch aus dem Ausland – und unterschiedlichen Ereignissen, die Jahrzehnte lang andauerten, stand Mustafa Kemal, der am 1. März 1924 mithilfe eines Dekrets der Nationalversammlung die Abschaffung des Kalifats forderte. In seiner Ansprache an die Nationalversammlung sagte er: „Wir müssen unter allen Umständen die Republik beschützen und einen Aufstieg auf Grundlage einer soliden wissenschaftlichen Basis erreichen. Der Kalif und die Vertreter der ‚Osmanischen Familie‘ müssen das Land verlassen, die überkommenen religiösen Gerichte und ihre Gesetze müssen durch moderne Gerichte und Gesetze ersetzt werden und die klerikalen Schulen müssen säkularen staatlichen Schulen weichen.“ Nach zwei Tagen heftiger Debatten verabschiedete die Nationalversammlung am Morgen des 3. März 1924 das von Mustafa Kemal geforderte Dekret, welches das Ende des Kalifats und die Trennung von Religion (Din) und Staat bedeutete. Eine unabhängige türkische Republik wurde gegründet, das schon so lange auch durch die Aussenpolitik der Weltmächte geschwächte Osmanische Reich war Geschichte und die Umma der Muslime bis heute politisch gelähmt. Dass das Argument, gemäss dem das Kalifat ein Ende fand, weil sein Konzept an sich fehlerhaft ist, kann so nicht gelten, wie uns die Geschichte des Islams und der Muslime verdeutlicht. Hauptgrund für die Auflösung des Kalifats war nicht das islamische System, sondern die Muslime, die aufgehört hatten, den Islam so umzusetzen wie es ihnen von Allah aufgetragen wurde. Stattdessen wurden eigentlich isamfremden Ideen, auch von offizieller Seite, der Anstrich des Islams gegeben, so dass sie sich zusehends mit einem quellennahen Islamverständnis vermischten, was bis heute sichtbar ist. 

Nicht der Islam war Schuld am Niedergang des Kalifats, sondern die Menschen, die Muslime, die den Islam falsch umsetzten oder gar vollständig vernachlässigten.Diese erdrückende und traurige Tag soll uns jedoch nicht in Passivität erstarren lassen, vielmehr sollte er uns dazu animieren, all unsere Kraft und Energie darauf zu verwenden, den Islam, getrennt von all dem, was nicht zu ihm gehört, zu praktizieren und zu etablieren, auf dass er erneut eine starke Umma entstehen und für die Rechte aller Muslime einstehen kann.

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